Wein, Weib und Blut: Im Sang-Soos 'The Housemaid'

 

 

Das neuere koreanische ist neben seiner Genreambivalenz vor allem für seinen Hang zur Überlänge bekannt. Selbst Thriller und Actionfilme haben nicht selten eine Laufzeit von mehr als 2 Stunden. Auch Im Sang-Soos (‚A good Lawyer’s Wife&rsquo Film – ein Remake des gleichnamigen koreanischen Filmes (Regie: Kim Ki-Young) aus dem Jahre 1960 – wechselt freigiebig zwischen Drama, Thriller und Satire, ist mit einer Laufzeit von knapp über 100 Minuten aber relativ kurz. Ob der Spagat zwischen den Genres passt und ob die zahlreichen Preise und Nominierungen (u.a. für die Goldene Palme in Cannes) gerechtfertigt sind, könnt ihr im Folgenden nachlesen.



Die junge Eun-Yi (Jeon Do-Yeon, ‚Secret Sunshine’ ) tritt eine Stelle als Hausmädchen bei der Familie des reichen Geschäftsmanns Hoon-Goh (Lee Jung-Jae, ‚Typhoon’ ) an. Von seiner hochschwangeren Frau Hae-Ra (Seo Woo) sexuell unbefriedigt beginnt er eine Affäre mit seiner neuen Angestellten – unter den Augen der alteingesessenen Hausdame Byung-Sik (Yoon Yeo-Jong). Eun-Yi wird schwanger und die Affäre kommt ans Licht. Als sie sich weigert das uneheliche Kind abzutreiben gerät sie in die Schusslinie der betrogenen Gattin und ihrer intriganten Mutter (Park Ji-Young).

 

Der Film vereint verschiedene Genres und Stile: erotisches Drama, spannender Thriller, am bitterböse Satire, im Prolog wackelnde Handkamera und durch Unschärfen verfremdete Bilder, später ruhige, fast statische Fotographie. Im Sang-Soo versteht es perfekt all das zu einem ungemein stimmigen Ganzen zu komponieren, das alles untermalt von unaufdringlicher, sanfter Musik.

In der ruhig erzählten Geschichte bauen sich langsam und unterschwellige Gefahr und Spannung auf, ehe das überraschende Ende und der grotesk überzeichnete Epilog folgen.

Das alles wird ohne allzu viele Schnörkel und Nebenhandlungen erzählt. Im konzentriert sich fast vollkommen auf den Mikrokosmos der Familie und ihrer Angestellten und den daraus resultierenden Konflikten. Dabei sind Blut und Wein sind die zentralen Symbole des Filmes: am Anfang fließt Blut, am Ende auch, dazwischen viel Wein.

Zudem gibt es beißende Kritik am Verhalten neureicher Familien und deren Trugschluss sich mit Geld und Macht alles kaufen zu können. Hoon-Goh und seine Familie gibt sich kühl, distanziert, echte Emotionen gibt es kaum. Jede Bewegung, jede Interaktion wirkt gekünstelt, gestellt, dennoch ist nach außen hin alles herzlich, warm, liebevoll, schlicht perfekt.

Am Ende bricht diese ganze Fassade zusammen und gipfelt in einem grotesk harmonischen Epilog.

 

Dazwischen gibt es kühle, überstilisierte Erotik, die sich vollkommen in den Dienst des Filmes stellt und dabei die einzelnen Figuren maßgeblich charakterisiert. So ist Hae-Ra alles andere als begeistert ihrem Mann sexuell befriedigen zu müssen, Hoon-Goh ist zwar dominant, lässt sich aber lieber bedienen als sonderlich aktiv am Akt teilzuhaben, während Eun-Yi die unerfahrene Naive gibt.

Einziger Kritikpunkt hier ist, dass Im die Beziehung zwischen Eun-Yi und ihrem Arbeitgeber noch etwas besser ausarbeiten hätte können, zu wenig Zeit verstreicht von der ersten Begegnung bis zum ersten intimen Kontakt, zu wenig Worte werden gewechselt, zu schnell bricht die Affäre ab.

 

Das ist nicht allzu schlimm, gibt es doch eine ganze Reihe großartiger Schauspieler zu bewundern, allen voran Jeon Do-Yeon, die Eun-Yi mit einer gewissen erotischen Ausstrahlung aber auch mit kindlicher Naivität und Unsicherheit darstellt.

Lee Jung-Jae spielt den arroganten, machtbesessenen Hausherren hart an der Grenze zur Karikatur, überschreitet diese schmale Linie aber niemals. Mit jedem seiner Auftritte strahlt er so viel Antipathie aus, dass es eine Freude ist ihm dabei zuzusehen, wobei er, sobald er ein Glas Wein in die Hand nimmt, zweifelsohne seine Höhepunkte hat (einmal sogar im wahrsten Sinne des Wortes).

Besondere Erwähnung verdient Yoon Yeo-Jong, die für ihre Rolle als alte Hausdame den Asian Film Award als beste Nebendarstellerin verdient gewonnen hat. Kühl kalkulierend, zwielichtig und niemals durchschaubar ist sie den ganzen Film über ein einziges Mysterium.

Daneben glänzen noch Seo Woo als verwöhnte Ehefrau und Park Ji-Young als deren intrigante Mutter. Beide haben wunderbare gemeinsame Szenen und sind herrliche intrigante – Verzeihung – Miststücke.

 

‚The Housemaid’ ist ein ruhiges, dennoch spannendes Thrillerdrama, das seine Zuschauer in erlesenen Bildern in die Abgründe des häuslichen Lebens führt. Eine groteske Parabel über Macht und Unterwürfigkeit. Getragen von großartigen Darstellern ist der Film ein kleines Meisterwerk.


9 von 10 Glückskekse

1 Kommentar 13.12.11 15:42, kommentieren

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The City of Violence: Dante Lams 'The Stool Pigeon'

Wenn es im Hongkong-Kino um spannende Großstadtthriller geht ist Dante Lam im Moment genau der richtige Mann. Seine Thriller sind spannend, gut besetzt und handwerklich auf höchstem Niveau. Gerade sein 2008 gedrehter, dramatischer Entführungskrimi ‚The Beast Stalker’ sorgte für Nerven zerreißende Spannung und erinnerte an die besten Zeiten eines Ringo Lam (‚City on Fire’, Prison on Fire' ). In ‚The Stool Pigeon’ vereint Dante Lam erneut seine profilierten Hauptdarsteller aus ‚The Beast Stalker’, wobei Nick Cheung (‚Breaking News' ) diesmal den Polizisten und Nicholas Tse (‚Time and Tide’, ‚Invisible Target' ) den Gangster, oder vielmehr den Polizeispitzel, mimt. Auch setzt Lam einmal mehr auf seine bewährte Mischung aus Thrill, Action und Drama, kann doch eigentlich gar nichts schief gehen, oder?

Don Lee (Nick Cheung) ist ein abgebrühter Polizist, der seinen Dienst kühl und immer genau nach Vorschrift versieht. Seine Aufgabe ist es Spitzel anzuwerben und sie während ihrer Arbeit für die Polizei zu betreuen. Ein Job, der einen seiner Schützlinge beinahe das Leben gekostet hätte. Ghost Jr. (Nicholas Tse) ist einer dieser Spitzel. Gerade aus dem Knast entlassen, muss er sich, um die Schulden seines verstorbenen Vaters abzahlen zu können, in die Bande des skrupellosen Barbarian (Lu Yi) einschleusen. Der bereitet gerade einen spektakulären Raubüberfall vor, bei dem Ghost Jr. als Fahrer mitwirken soll. Sie Situation spitzt sich zu als Barbarians Geliebte Dee (Kwai Lun-Mei) sich in Ghost Jr. verliebt. Als die Gangster sich schwere Waffen besorgen muss Lee sich entscheiden: zieht er seinen Spitzel ab oder setzt er ihn der drohenden Gefahr aus…

‚The Stool Pigeon’ beginnt recht langsam, sehr langsam. Die einleitende Actionsequenz wirkt fast lethargisch, ebenso wie das spätere Straßenrennen. Lam nimmt sich viel Zeit seine Charaktere einzuführen, ihnen ein Profil zu geben. Das ist gut, bremst den Film aber vor allem gegen Ende etwas zu sehr aus. Niemals erreicht der Film das Tempo, den anhaltenden Nervenkitzel eines ‚Beast Stalkers’, was schade ist, potential wäre durchaus da gewesen. Statt dem Gangsterplot geradlinig zu folgen streut Lam immer wieder längere dramatische Szenen ein, ein Schicksalsschlag jagt den nächsten und am Ende hat man ein Mosaik der persönlichen Tragödien, wie man es sonst nur aus nachmittäglichen Telenovelas kennt und die in ihrer Zahl und Steigerung ein wenig unglaubwürdig wirken. Abgesehen davon bietet die Story bewährte Thrillerkost: Polizisten, Gangster, Hass, Intrigen, nicht unbedingt neu, aber genießbar.

Trotzdem findet man kaum einen Bezug zu den Personen und ihren Schicksalen, fiebert nicht mit ihnen mit, spürt nicht ihren Schmerz. Habe ich bei ‚The Beast Stalker’ vor Anspannung fast in meine Fernbedienung gebissen und mehr als ein Mal den Drang verspürt die Vorspultaste zu betätigen, so war das bei ‚The Stool Pigeon’ niemals der Fall. Das mag zum einen am Thema liegen – der geplante Überfall auf einen Juwelier ist weit weniger dramatisch als ein entführtes Kind – zum anderen aber auch dem bereits erwähnten gemächlichen Tempo, das immerhin im letzten Drittel dann doch anzieht. Zu spät um im dramatischen Finale mit den Figuren mitzuleiden.

Die beiden großen Stärken des Filmes sind die Besetzung und die Inszenierung. Don Lee ist vordergründig karrieregeil und kühl kalkulierend, innerlich aber von Schuldgefühlen und Selbstzweifeln zerfressen. Nick Cheung stellt dies sehr gut dar, mit kleinen Gesten, manchmal nur mit einem einzigen kurzen Gesichtsausdruck oder seiner zitternden Stimme. Als sich am Ende seine unterdrückte Trauer und Wut – auch auf sich selbst – entleert tut er das mit der gleichen Ruhe und Präzision, wie er zuvor seine Kollegen delegierte. Nicholas Tse spielt ruhig und mit ständiger Anspannung, seine impulsive, teils cartoonhafte, Darstellung aus ‚The Beast Stalker’ hat er abgelegt. Er ist entschlossen aber gleichzeitig unsicher, was seine Entscheidungen und Gefühle anbelangt. Außerdem beweist er mit seinem Schmodderlook Mut zur Hässlichkeit. Die anderen Darsteller sind solide. Die Taiwanesin Kwai Lun-Mei als Dee wirkt streckenweise etwas unterkühlt, fast teilnahmslos, was aber gut zu ihrer Rolle passt. Miao Pu spielt wie schon in ‚The Beast Stalker’ Nick Cheungs Ehefrau und darf auf hohem Niveau leiden.

Bei der Inszenierung setzt Lam auf seine bewährten Stilmittel, die man schon aus seinen früheren Filmen kennt: schnelle Schnitte, Zeitsprünge, Zeitlupen, Beschleunigung. Viele Szenen sind bemerkenswert komponiert, wie etwa die zweite Verfolgungsjagd, Barbarians Beschattung oder der Überfall. Kameramann Kenny Tse (‚The Beast Stalker’, ‚Fire of Conscience’, ‚The Viral Factor' ) fängt die verschiedenen Locations und ihre individuellen Stimmungen perfekt ein. Gerade die Wahl der Drehorte ist äußerst passend und führt von Central über Northpoint bis in die New Terretories. Das Ende sticht mit seiner animalischen Härte und Kompromisslosigkeit aus dem restlichen Film heraus, bietet es doch die Spannung, die der Zuschauer so lange Zeit vermisst hat. Solch bedrückende Szenen roher Gewalt sah man im Hongkong-Kino zuletzt nur bei Cheang Pou-Sois ‚Dog bite Dog’.

‚The Stool Pigeon’ ist in seinen ersten beiden Dritteln ein gemächlicher Thriller, der es mit seinen tragischen Elementen manchmal etwas übertreibt. Sehr gute Darsteller, die erstklassige Inszenierung und das dramatisch-brutale Finale entschädigen aber für so manche Länge.

7 von 10 Glückskekse

1 Kommentar 21.11.11 14:44, kommentieren

Köpfe werden rollen: Wei Te-shengs 'Seediq Bale' (taiwanesische Kinofassung)

 

Einführung:

Mit ‚Cape No. 7’ drehte Wei Te-sheng 2008 den erfolgreichsten taiwanesischen Film aller Zeiten. Allein in seiner Heimat spielte die romantische Musikkomödie mit einem Hauch Lokalkolorit mehr als 500 Millionen Taiwan-Dollar – ca. 12 Millionen Euro – ein, bei Produktionskosten von rund 50 Millionen Taiwan-Dollar (ca. 1,2 Millionen Euro).

Dabei war ‚Cape No. 7’ nur eine Art Entlastungsprojekt, und nebenbei Weis Debüt als Langfilmregisseur, zu einem Film, den der Regisseur schon einige Jahre zuvor begonnen hatte vorzubereiten: ‚Seediq Bale’ wurde nach fast einem Jahrzehnt der Entwicklung schließlich ein fast viereinhalbstündiges Epos, das am Ende 25 Millionen US-Dollar kosten sollte und mit so bekannten Produzenten wir Terence Chang und John Woo werben darf. Kann da noch etwas schief gehen?

Teil 1:

Taiwan 1895: Die Japaner annektieren nach dem ersten Chinesisch-Japanischen Krieg die Insel Taiwan, die zuvor Teil des Kaiserreichs der Qing-Dynastie war. Nicht nur die chinesischen Siedler, die seit dem 16. Jahrhundert die Insel bewohnen leisten Widerstand, auch die Ureinwohner Taiwans wehren sich gegen die Eindringlinge. In der Region um Nantou, im bergigen Zentraltaiwan, führt Mouna Rudo (Da Ching) einen Stamm Seediq, eines der vielen indigenen Völker Taiwans, an. Doch er und seine stolzen Krieger werden von mit den Japanern kollaborierenden Ureinwohnern verraten und in einen Hinterhalt gelockt. Die Überlebenden, auch Mouna, müssen ihre Waffen niederlegen und sich den neuen Machthabern beugen.
35 Jahre später ist die japanische Assimilation der Insel in vollem Gange. Auch die Ureinwohner sind Teil der Gesellschaft, leisten ihren Beitrag zur friedlichen Koexistenz, lernen Japanisch und arbeiten sogar als Polizisten für die Japaner. Doch immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen den Ureinwohnern, die sich nicht unterdrücken lassen wollen, und den Kolonialherren. Mouna (jetzt Lin Ching-tai) ist inzwischen ein gesetzter Mann, der sich von den Provokationen der Japaner nicht aus der Ruhe bringen lässt und zwischen den Parteien vermittelt. Als ein japanischer Polizist brutal zusammengeschlagen wird und mit der Ermordung des ganzen Stammes droht töten die jungen Männer der Seediq ihn und entfesseln dadurch eine Spirale der Gewalt, die kaum noch aufzuhalten ist…

Schon zu Beginn schockt der Film mit grauenhaft schlechten CGI-Tieren, die an alte Stop-Motion-Zeiten erinnern. Ist das das Jahr 2011? Ist das eine teure asiatische Prestigeproduktion? Ja und ja. Grandiose Naturaufnahmen entschädigen den ersten Schock, auch wenn sie teilweise – glücklicherweise nicht allzu oft – sehr offensichtlich durch Computereffekte ergänzt wurden. Ein Schritt der in den seltensten Fällen nötig gewesen wäre, da die Landschaften an sich schon spektakulär genug sind. Eine Einstellung verweist was Felsformation und Kamerafahrt angeht überdeutlich auf James Camerons ‚Avatar’, ohne jedoch die technische Brillanz seines Special-Effects-Spektakels zu erreichen. Gerade die teilweise schlechten und unnötig eingesetzten Computertricks rauben einen Teil der Atmosphäre.
Abgesehen davon geben sich Kulissen, Kostüme und Set-Design keine Blöße: die Kostüme (entworfen von Taneda Yohei (u.a. ‚Kill Bill' ) und Requisiten sind authentisch, die Schauplätze gut gewählt und die Kulissen aufwendig.
Dass der Film hauptsächlich in Seediq und Japanisch gedreht und die Rollen mit Ureinwohnern und Japanern besetzt wurden sorgt zudem für noch größere Authentizität und für Schwierigkeiten bei einer sicherlich auf uns zukommenden deutschen Synchronisation. 

 

Die Schauspieler sind bis auf wenige Ausnahmen auf japanischer Seite, exzellent. Die hauptsächlich von Laiendarstellern gespielten Ureinwohner sind dermaßen authentisch, dass sich jeder noch so gut recherchierte und gespielte amerikanische Indianerfilm verstecken muss. Lin Ching-tai wirkt in seinen besten Szenen wie ein asiatischer Alain Delon, sieht er diesem doch verblüffend ähnlich. Andos Masanobus Rolle ist (noch) relativ klein und fällt kaum ins Gewicht, ebenso Chie Tanaka (‚Cape No. 7) und Vivian Hsu, die beide Japanerinnen spielen. Da Ching als junger Mouna hätte einen größeren Auftritt verdient, hat er doch das Zeug zum richtigen Actionhelden, Umin Boya als Temu Walis verlörpert überzeugend den jungen Hitzkopf. Kleine Gastauftritte dürfen die beiden taiwanesischen Schauspielurgesteine Ma Jung-lung (‚Cape No. 7’, ‚Monga' ) und Cheng Chih-wei (‚Cape No. 7' ), der auch den ein oder anderen Lacher auf seiner hat.

 

Der historische Hintergrund dürfte für viele Zuschauer, vor allem für diejenigen aus dem Westen, neu sein, da gerade über das Kapitel der japanischen Kolonialisierung Taiwans im Westen kaum etwas bekannt ist. Der jüngste Film, der dieses Thema behandelte, ‚1895 in Formosa’ (TW 2008) schaffte es kaum über die eigene Landesgrenze hinaus. Dabei ist es ein interessantes wie vielfältiges Thema, dass mit ‚Seediq Bale’ sein lang verdientes Epos erhält.
So holt der Film erst einmal weit aus und beginnt im Jahre 1895 mit der Annektierung Taiwans durch Japan und widmet sich die erste dreiviertel Stunde dieser Episode. Das ist auch gut so, da man so den Film auch ohne große Vorkenntnisse der chinesischen und taiwanesischen Geschichte genießen kann. 

 

Die Natur wird meist imposant eingefangen, richtige Gänsehautmomente sind allerdings rar, da der Film doch eher darauf erpicht ist die Handlung voranzutreiben als sich in pathoshaltigen Bildern zu ergötzen. Das ist einerseits lobenswert, andererseits fehlt doch dieser pathosbehaftete Gänsehauteffekt. Stattdessen ist das ein oder andere Mal Kitsch angesagt, denn es gibt Regenbögen galore, weswegen der englische Titel (‚Warriors of Rainbow' ) und der chinesische Untertitel von Teil 2 auch eindeutig Sinn ergeben. 

 

Im weiteren Verlauf folgt der Film dann den Grundzügen eines historischen Epos, indem er verschiedenen Figuren Ureinwohner wie Japaner begleitet und die einzelnen Schicksale immer wieder miteinander verknüpft. Zentrale Figur bleibt dabei aber Mouna.
Im Mittelteil bietet der Film hauptsächlich Einblicke in das Leben der Protagonisten und schafft es so ein differenziertes Bild seiner Figuren zu schaffen. Besonders interessant sind die Einblicke in das tägliche Leben der Ureinwohner, ihre Bräuche, ihre Gewohnheiten.
Längen entstehen dadurch kaum, nur eine eher unnötige Szene in der Mouna seinem verstorbenen Vater begegnet könnte zu einem Blick auf die Uhr anregen. 

 

Die Japaner sind – mit Ausnahme des von Kimura Yuichi dargestellten Provinzpolizisten, der mit seinem sadismus und gleichzeitiger Feigheit fast zur Karikatur verkommt – alles andere als nur ‚die Bösen’. Taiwan wurde ihnen völkerrechtlich legitim von China zugesprochen und die Kolonialisierung der Insel war bei Weitem nicht so brutal und rücksichtslos wie manch einer glaubt es zu meinen. Die Japaner werden auch als Menschen dargestellt, haben Ängste, Gefühle. Gegen Ende wird dies noch deutlicher.
Die Zwickmühle in der die stolzen Ureinwohner im Dienst der japanischen Kolonialherren stecken, die Frage, ob man sich für Bildung, Wohlstand und wirtschaftliche Entwicklung einer fremden Macht unterordnen will, soll und kann, das und noch mehr, sind die Fragen, mit denen der Film sich befasst, eine befriedigende Antwort kann und will er aber nicht darauf geben. Er will zum diskutieren anregen und greift einige Kontroversen auf, die die Taiwanesen seit Ende der Kolonialzeit beschäftigen, waren die Japaner, vor allem in der späten Phase der Kolonie, bei den chinesischen Bewohnern nicht gerade unbeliebt (ein Umstand der in Weis Vorgängerfilm ‚Cape No. 7’ noch deutlicher zum Ausdruck kommt). 

So gibt es eine Szene in der ein japanischer General einem Jungen die Hand abschlägt und während das blutende und leidende Kind sich endlos erscheinende Sekunden vor Schmerzen und Verzweiflung windet wird dem Soldaten erst bewusst was er da gerade getan hat.
Und am Ende des Filmes muss der Zuschauer für sich selbst entscheiden wer nun Opfer und wer Täter ist. 

 

Gerade die Action- und Kampfszenen sind teilweise von beeindruckender Intensität. Blut spritzt, Köpfe rollen, Granaten explodieren. Der Aufwand an Mensch, weniger an Material, ist beachtlich und wenn Männer im Lendenschurz, Musketen und Machete durch den taiwanesischen Urwald jagen, dann werden mehr als ein Mal Erinnerungen an Michael Manns ‚Der letzte Mohikaner’ wach. Obwohl es sich um eher kleinere Scharmützel handelt – die richtigen Schlachten wird es in Teil 2 geben – sind diese Szenen teils recht beeindruckend.
In der finalen Szenen gibt es die meisten Enthauptungen seit ‚Conan’, während ein sanftes Lied der Ureinwohner das grausige Gemetzel begleitet und die Gewalt intensiver und abstoßender erscheinen lässt als jeder Soundeffekt. Die Gesichter der Kämpfer sagen, dass es nun kein Zurück mehr gibt, dass der Weg des Kampfes vermutlich der letzte sein wird, den sie beschreiten werden.

 

Der erste Teil von ‚Seediq Bale’ ist – abgesehen von den teils ziemlich schlechten CGIs – ein imposantes und interessanten Epos, dass sich Taiwan wahrlich verdient hat, allerdings könnte alles noch etwas größer und epochaler sein. Schauwerte gibt es zwar einige, das Augenmerk liegt aber eindeutig auf der Geschichte. Die sehr guten Schauspieler, die liebevolle Ausstattung und die grandiose Natur Nantous machen den ersten Teil von ‚Seediq Bale’ zu einem äußerst gelungenen und vor allem sehenswerten Film. Mit einem kleinen Bonus macht das:

9 von 10 Glückskekse


Teil 2:

Wei Te-shengs Historienepos um Taiwans Ureinwohner und ihren Aufstand gegen die japanischen Kolonialherren geht in die zweite Runde. Bot der erste Teil eine gesunde Mischung aus Action, Handlung und Dramatik, sowie ein recht differenziertes Bild der japanischen Kolonialherren, so stellt sich die Frage, ob Teil Zwei die hohen Erwartungen des nach Sichtung des ersten Teils erfüllen kann.

Nach dem Massaker an japanischen Zivilisten rollt die japanische Kriegsmaschinerie gnadenlos an: Truppen werden mobilisiert und unter der Führung General Kamada Yahikos (Kawahara Sabu) nach Nantou geschickt, während der Polizist Kojima Genji (Ando Masanobu) Ureinwohner feindlicher Stämme anwirbt. Die Seediq müssen erkennen, dass sie den modernen Waffen im offenen Kampf nicht gewachsen sind und verlassen ihre Dörfer um als Guerillas den Kampf gegen ihre Feinde aufzunehmen. Zunächst können sie einige Erfolge verzeichnen, doch schon bald fordert der Kampf immer mehr Opfer.

Der zweite Teil von ‚Seediq Bale’ knüpft – logischerweise – direkt an die Ereignisse aus Teil Eins an, legt seinen Fokus aber auf andere Figuren und Handlungsstränge. So wird Ando Masanobus Part umfangreicher beleuchtet und die Handlungen des verfeindeten Stammes über weite Strecken verfolgt, auch wird Einiges an Zeit dem Aufbau und der Koordination der japanischen Truppen geschenkt. Das alles auf Kosten Mouna Rudos und Temo Walis, die in den ersten 90 Minuten fast zu Statisten verkommen und nur in der einen oder anderen Actionszene auftreten dürfen.

Und gerade Action bietet der zweite Teil von ‚Seediq Bale’ en masse. Die Action ist, wie schon bei Teil Eins, exzellent choreographiert und teils sehr blutig, das Sterben ästhetisch und abschreckend zugleich. Eine wirklich große Materialschlacht bleibt zwar historischbedingt aus, der Bodycount ist dennoch immens und verglichen mit den tatsächlichen Opferzahlen des Aufstandes augenscheinlich wenig kongruent. Diese historische Unkorrektheit wird am Ende dann von General Kamada, in dem er weitgehend korrekte Opferzahlen nennt, berichtigt.

Erster großer Knackpunkt ist die Geschichte, die hat sich nämlich der im Laufe des Films immer wuchtiger werdenden Action unterzuordnen. Einige dramatische Szenen beäugen zwar das Schicksal der Figuren abseits der Kämpfe und können durchaus emotional packen, insgesamt gibt es aber zu wenige dieser Szenen, die einige Handlungsstränge auch ganz überraschend enden lassen, als es einem solch ambitionierten Projekt wünschenswert wäre.

Dialoge gibt es wenige und wenn, dann wird entweder die Strategie der kommenden Schlacht besprochen oder pathetisch auf den Kampf eingeschworen. Dieses Pathos mag zwar berechtigt, ja sogar essentieller Bestandteil der Kultur der Seediq sein, wird in einigen Szenen – etwa wenn ein kaum dreizehnjähriger Junge mit Maschinengewehr kaltblütig japanische Soldaten abknallt – jedoch höchst zweifelhaft dargestellt. Kontrastierte Wang in Teil Eins noch die aus Sicht der Seediq heldenhaften Taten beispielsweise mit dem unberechtigten Abschlachten Unschuldiger und endglorifizierte er somit das (in gewisser Weise falsche) Heldentum der Protagonisten, so sind im zweiten Teil keine derartigen Szenen vorhanden, der Film in dieser Hinsicht höchst eindimensional.

Dabei werden die Japaner keineswegs als Monster oder Schurken dargestellt. Nein. Wang lässt sogar ein Massaker, bei dem japanische Truppen und Anhänger eines verfeindeten Stammes die komplette männliche Bevölkerung (unter 15 Jahren) eines Seediq-Dorfes niedermetzeln außen vor und zeigt stattdessen japanische Soldaten wie sie vor Angst erzittern oder sich um verlassene Seediq-Frauen kümmern. In den meisten Szenen stellen die Japaner jedoch nur gesichtsloses Kanonenfutter dar, das, meist aus dem Hinterhalt, von den Seediq dahingerafft wird.

Handwerklich und inszenatorisch bietet der Film Bewährtes: der Film ist gut fotografiert und – mit Ausnahme des Endes, dazu später mehr – geschnitten. Einige Szenenübergänge sind zwar etwas hart, aber das scheint gewollt.

Die CGI bewegen sich diesmal im akzeptablen Mittelfeld und bieten immerhin keinen Totalausfall wie die Tiere im ersten Teil. Vergleiche mit Hollywood sollten allerdings ausbleiben.

Ricky Hos ( ‚Zu Warriors' ) Score ist vielfältig und untermalt den Film stimmig. Musikalisches Highlight bilden aber nach wie vor die Lieder der Ureinwohner, die auch hier in einer Kampfszene für reichlich Gänsehaut sorgen.

Darstellerisch gibt es ebenfalls wenig auszusetzen: die Laiendarsteller der Seediq machen ihre Sache gut und können auch in den wenigen emotionalen Szenen überzeugen. Ando Masanobu ist okay, seine Zeit auf der Leinwand ist allerdings viel zu begrenzt um Akzente zu setzen.

Einziger Ausfall ist Kawahara Sabu, der einen ziemlich unpassenden, comichaften Wutanfall bekommt, der so gar nicht zu den dezenten Darstellungen seiner Nebendarsteller passt.

Als zweiter großer Kritikpunkt stellt sich das Ende des Filmes heraus. Der Schnitt vom finalen Kampf zum Epilog ist sehr holprig, teilweise gar konfus und das Gezeigte verwirrend und fragmentartig. Die Szenen fügen sich nicht homogen in den restlichen Film ein und wirken lieblos und schnell abgedreht, was schade ist, handelt es sich doch um die Schicksale der eigentlichen Hauptfiguren Mouna Rudo und Temo Walis.

Regisseur Wang hat kürzlich selbst in einem Interview gesagt, er sei mit den finalen Szenen nicht zufrieden und damit hat er vollkommen Recht.

Der zweite Teil von ‚Seediq Bale’ ist beileibe kein schlechter Film, dazu ist er gut inszeniert, die Action zu packend, die Ausstattung zu perfekt. Allerdings fällt er im Vergleich zum ersten Teil deutlich ab, nicht inszenatorisch sondern inhaltlich. Das ungeschickt komponierte Ende tut sein Übriges dazu, dass man den Kinosaal mit einem schalen Beigeschmack verlässt und das Gefühl hat es sei doch etwas mehr drin gewesen: mehr Handlung, mehr Emotionen, mehr Film.

Bleibt die Hoffnung auf einen Director’s Cut.


7 von 10 Glückskekse


 

Gesamtbesprechung:

Insgesamt betrachtet ist ‚Seediq Bale’ ein lohnenswertes, ambitioniertes Epos, das in teils spektakulären Bildern ein im Westen weitgehend unbekanntes Kapitel der Geschichte beleuchtet und eine fremde Kultur näher bringt.

Mit seinem differenzierten Blick auf die Geschichte, gut charakterisierte Figuren und drastischen Actionszenen regt der erste Teil zur Diskussion an, während einige kitschige Szenen und schlechte CGIs für kleine Abzüge sorgen.

Im zweiten Teil ordnen sich Charakterzeichnung, Differenzierung und Handlung der blutigen Action unter, dennoch ist der Film packend, wenn auch eher visuell als intellektuell.
Die Wertvorstellungen und Ehrbegriffe der Seediq mögen dem Westen unverständlich oder sogar abstoßend vorkommen, dennoch bietet der Zweiteiler einen interessanten Einblick in eine unbekannte Welt, eine Welt, die sich der Moderne unterwerfen muss, dagegen ankämpft und scheitert – Parallelen mit den amerikanischen Ureinwohnern sind unverkennbar.

In ‚Seediq Bale’ steckt viel Herzblut und das sieht man dem Film auch an, weswegen man kleinere Schönheitsfehler – wie das holprige Ende –  gerne verzeiht. Es ist ein wichtiger Film für die taiwanesische Filmindustrie ebenso, wie für die taiwanesischen Ureinwohner.

Deswegen gibt es für das Gesamtwerk dennoch:


9 von 10 Glückskekse
 


Internationale Version:

International wird der zweiteilige Film – wie schon zuvor John Woos ‚Red Cliff’ – in einer 150minütigen Versionen erscheinen, die hauptsächlich Handlung entbehrt. Über Sinn und Zweck einer solchen Fassung lässt sich streiten.

 

 

4 Kommentare 17.9.11 21:04, kommentieren

Der (Alb)Traum vom Eigenheim: Pang Ho Cheungs 'Dream Home'

 

Hongkong ist eine Stadt der Superlative, aber auch eine Metropole der Gegensätze: moderne Einkaufszentren existieren neben traditionellen chinesischen Märkten, ebenso wie reiche Geschäftsmänner und Wanderarbeiter am Rande ihrer Existenz oder glitzernde Glaspaläste und dem Verfall nahe Wohnghettos. Das Preisniveau in Hongkong ist hoch und steigt weiter, die Schere zwischen Arm und Reich geht – wie in Europa auch – immer weiter auseinander, die Mittelschicht wird langsam zum Opfer des Raubtierkapitalismus. Das eigene Zuhause, eines der Symbole des Wohlstands, wird immer unerschwinglicher. Gerade in einer Stadt wie Hongkong, dessen bebaubare Flächen begrenzt sind und neuer Wohnraum kaum zu schaffen ist.

Regisseur und Co-Drehbuchautor Pang Ho-Cheung (‚Beyond our Ken’, ‚Isabella’, ‚Trivial Matters' ) greift diverse soziale Probleme der Hongkonger Mittelschicht auf. In seinem knallharten Thriller ‚Dream Home’ zeigt er wie mörderisch die Suche nach einem passenden Eigenheim sein kann.

 

 Eine Schildkappe ist das passende Accessoire zu Josie Hos Frisur

Cheng Lai-Sheung (Josie Ho) arbeitet im Callcenter einer großen Bank, doch selbst mit zwei zusätzlichen Nebenjobs hält kann sie sich gerade so über Wasser halten. Nebenbei kümmert sie sich um ihren kranken Vater oder trifft sich mit einem reichen Geschäftsmann in einem Stundenhotel. Ihr Alltag ist trostlos, doch Sheung hat einen Traum: ein eigenes Appartement mit Blick aufs Meer. Und um sich ihren Traum vom Eigenheim zu erfüllen geht die junge Frau buchstäblich über Leichen.

Nie um eine schlechte Frisur verlegen: Eason Chan und Josie Ho
 

‚Dream Home’ ist in erster Linie eines: phantastisch fotografiert. Allein im Vorspann bauen sich riesige Gebäudekomplexe fast wie in Trance vor dem Zuschauer auf, fahren auf ihn zu, bersten auseinander. Dabei sind es nicht einmal die berühmten Glaspaläste der Hongkonger Skyline sondern normale, teilweise schäbige Wohnblöcke in denen das Gros der Bewohner der ehemaligen Kronkolonie lebt. Allein diese Sequenz macht den Film sehenswert und erinnert in gewisser Weise an Christopher Nolans ‚Inception’. Auch die restlichen Szenen sind allesamt exquisit gefilmt und bieten einige Leckerbissen für die Augen. Das Ganze wird von dem unaufdringlichen und sehr passenden Score Gabriele Robertos perfekt untermalt. Dass es in beiden Kategorien weder Auszeichnung noch Nominierung bei den Hong Kong Film Awards gab ist fast ein kleiner Skandal.


'Was mach ich blos mit der Sauerstoffmaske?'
 


 

Dafür gab es aber eine Nominierung für Josie Ho als beste Hauptdarstellerin. Und die macht ihre Sache mehr als ordentlich, liegt es quasi an ihr den Film zu tragen. Sie schafft es mit ihrer Darstellung in ihren besten Momenten beim Publikum so etwas wie Mitgefühl auszulösen, was obgleich ihrer Taten schon sehr schwer zu bewerkstelligen ist. Im Kern ist ihre Figur eine verletze Seele, ein kleines Mädchen, dass sich um jeden Preis nur einen einzigen Wunsch erfüllen möchte.

Klar, dass die Nebencharaktere da komplett in den Hintergrund treten. Mit Eason Chan (‚I corrupt all Cos' ) und Norman Tsui (‚Das Schwert' ) sind wenigstens zwei bekannte Gesichter in den wichtigsten Nebenrollen mit an Bord. Eason Chan als Sheungs Geliebter ist eine Karikatur ihres Gleichen mit schleimiger Frisur und noch schleimigerem Charakter, während Norman Tsui in seinen kurzen Auftritten durchaus überzeugen kann.

Ein Bett von Ikea kann in den Wahsinn treiben


Die Geschichte wird sehr verschachtelt erzählt, es gibt unzählige Rückblenden, Rückblenden innerhalb von Rückblenden, Rückblenden, die andere Rückblenden einleiten, etc. . Der ganze Film ist etwas kompliziert aufgebaut, durchaus geschickt, aber doch ein hohes Maß an Aufmerksamkeit fordernd. Zwar werden immer wieder Datumsangaben und Uhrzeiten eingeblendet, unaufmerksame Zuschauer können aber leicht den Überblick verlieren. Darüber hinaus sei noch anzumerken, dass man Josie Ho beim besten Willen keine Mittelschülerin abnimmt.

Was ist erschreckender? Josie Hos Tat oder die Gewissheit, dass es tatsächlich Poster über die Anatomie von Kakerlaken gibt? 


 

Das Hauptproblem von ‚Dream Home’ liegt in der Unvereinbarkeit von Thema und Genre. Der Film versucht auf aktuelle soziale und gesellschaftliche Probleme Hongkongs aufmerksam zu machen: die überzogenen Wohnungspreise, die geringen Einkünfte vieler Angestellter, das teure Gesundheitssystem, die Willkür von Versicherungen. Löbliche Themen, genug Potential für eine bissige Satire oder ein bewegendes Großstadtdrama, selbst für einen Thriller – aber auch für einen Splatterfilm?

Denn genau das ist ‚Dream Home’ über weite Strecken – in seiner ungekürzten Fassung versteht sich. Und genau hier liegt auch das Dilemma in dem der Film steckt: die Zuschauer, die sich den Film wegen den drastischen, zugegebenermaßen meist sehr gut inszenierten und kreativen Tötungsszenen anschauen lässt die Story weitestgehend kalt. Diejenigen, die sich den Film der Thematik halber anschauen schreckt die exzessive Gewalt ab.

Eine der harmloseren Szenen aus 'Dream Home' 


 

So stellt sich die Frage, in wie weit ist die Story nur Mittel zum Zweck ausgiebige Tötungsszenen zu relativieren? Oder aber ist die Gewalt nur ein drastisches Mittel um auf die sozialen und gesellschaftlichen Missstände in Hongkong aufmerksam zu machen? Eine Antwort fällt schwer, zumal sich der Film ganz klar dem Vorwurf selbstzweckhafter Gewaltdarstellungen stellen muss. Die Szenen sind lange, grausam und teils abstoßend. Muss eine schwangere Frau brutal auf den Bauch fallen und anschließend qualvoll ersticken? Muss ein Mann minutenlang seine eigenen Gedärme in Händen halten ehe er erschossen wird? Muss ein anderer Mann auf seinem eigenen Erbrochenen ausrutschen und eine tödliche Kettenreaktion auslösen? Ok, die letzte Szene entbehrt sich nicht einer gewissen grotesken Komik, die anderen beiden Szenen, sowie noch einige andere, sind aber doch sehr drastisch inszeniert und darauf aus vor allem Gorehounds anzusprechen.

Der Film soll angeblich auf einer wahren Begebenheit beruhen, was wohl mehr geschickter Marketinggag als belegbare Tatsache ist.

Ein Ausrutscher mit blutigen Folgen


‚Dream Home’ macht es seinem Publikum nicht leicht: einerseits ist er ein exzellent gefilmtes Drama einer bedauernswerten Persönlichkeit, getragen von einer phantastischen Josie Ho. Andererseits stoßen die grausamen Gewaltexzesse teils doch sehr sauer auf und bilden einen steilen Kontrast. Der Film ist eine einzige Kontroverse: bewegend, abstoßend, packend, anekelnd, beeindruckend, erschreckend – schwer zu verdauen und schwer zu beweten.

Keine Wertung

Anmerkung zur deutschen DVD/Blu Ray: die deutsche Fassung (FSK 18) ist um mehr als 3 Minuten zensiert und im falschen Bildformat!

1 Kommentar 23.9.11 17:54, kommentieren

Die letzte Reise der Shaw Brothers: Cha Chuen-Yees 'Journey of the Doomed

 
Das Poster erinnert eher an einen italienischen Barbarenfilm als an ein Märchen der Shaw Brothers


 

Mitte der 1980er Jahre war der Stern der Shaw Brothers schon fasst verglimmt und lediglich mit dem TV-Geschäft ließ sich noch Geld machen. Der Output an Kinoproduktionen war in jenen Tagen dann auch eher mäßig – an Quantität ebenso wie an Qualität. Klamauk, Gewalt und softer Sex waren die Devise, so enthält ‚Journey of the Doomed’ viele Zutaten – einige mit leicht überschrittenem Verfallsdatum.

Die Naturfreunde Wernigerode bei ihrer Jahreshauptversammlung im Wald


Shui-er (Fu Yinyu) hat ihr Leben in einem Bordell verbracht: die Mutter, eine Prostituierte, starb früh und so wurde sie von Puffmutter Dajie liebevoll aufgezogen. Doch Dajie hütet ein Geheimnis: Shui-er ist die Tochter des kaiserlichen Kronprinzen. Dajie schmiedet einen Plan diese Information an den jüngeren Bruder (Tony Leung Kar-fei) des Kronprinzen zu verkaufen, der auch bereit ist eine ordentliche Summe dafür zu bezahlen. Der böse Bruder bekommt allerdings Wind von der Sache und schickt seine Häscher (u.a. Kara Hui und Alex Man) los die nichts ahnende Shui-er zu meucheln, während der andere Bruder wiederum seine Mannen (u.a. Max Mok) – und eine Frau (Candice Yu) – entsendet, das Mädchen zu retten. Shui-er kann entkommen und findet Hilfe bei einem Mann (Stephen Tung Wai), in den sie sich langsam zu verlieben beginnt.

Margaret Lee Din Long und Kara Hui sind mit ihren Second-Hand-Kostümen ziemlich unzufrieden 


‚Journey of the Doomed’ will viel sein und so packt Regiedebutant Cha Chuen-Yeen in knapp über 90 Minuten reichlich Handlung, Figuren, Emotionen und Stimmungen. Der Film beginnt auch recht viel versprechend mit schönen Sets, einem Schuss Sexploitation, Intrigen und einer recht blutigen Actionszene in einem Bordell.

Doch sobald die Reise der Verdammten beginnt, beginnen auch die Schwächen von Skript, Budget und Darstellern immer deutlicher hervorzustechen.


Kara Hui besorgt sich auf unkonventionelle Weise ein neues Kostüm
 

 


Die Handlung schreitet von nun an unmotiviert voran, wechselt unentschlossen zwischen verschiedenen Genres. Manchmal ist sie Komödie, dann wieder Actionfilm und gegen Ende dann Liebesdrama inklusive schmalzigem Softpopduett und einem richtigen Ehekrach in der Küche. Gerade diese recht lange Dramaepisode bremst den Film vollkommen aus und strotzt nur so vor Klischees. Zudem sind die Charaktere einfach zu plump und eindimensional, als dass dieser Teil emotional fesseln kann.

  
Stephen Tung Wai und Fu Yinyu sitzen ganz schön im Regen


Fu Yinyu als Shui-er nervt schon nach ihrem zweiten Hilferuf dermaßen, dass man ihr doch einen schnellen Leinwandtod und zumindest den Verlust ihrer Stimme wünscht. Stephen Tung Wai als Retter in der Not kann ebenfalls nur bedingt überzeugen, da er nur über zwei Gesichtsausdrücke, genervt und gereizt, verfügt. Der restliche Cast ist kaum der Rede wert, lediglich Candice Yu als unglücklich verliebte Kriegerin hat gewisse Anflüge von schauspielerischem Talent. Alex Man als Oberschurke verliert sich im Overacting, Max Mok bleibt, wie den meisten seiner Shaw-Filme, blass, Regina Kent als stummes Mädchen nervt auch ohne Stimme und Tony Leung reißt sich mit seinem 2-Minuten-Auftritt auch kein Bein heraus.

Ein Muttermal in Form eines Schmetterlings sieht definitiv anders aus


Stimmt denn wenigstens die Action? Auch nur bedingt. Das Massaker im Bordell gefällt, da es doch einige Härten aufweist, die übrigen Kampfszenen sind – mit Ausnahme des Finales – ok, jedoch keinesfalls weltbewegend. Budgetbedingt gibt es keine namenlosen Krieger, die dutzendweise gemeuchelt werden können, so bekämpfen sich die drei Parteien, à zweimal drei bzw. einmal einem Kämpfer, gegenseitig. Diese Gefechte sind dann auch relativ blutarm. Halten diese Szenen noch einigermaßen bei Laune, enttäuscht das Finale. In einem verlassenen Dorf bekriegen sich die übrigen Kämpfer fast endlos andauernde 15 Minuten gegenseitig. Viel Pyrotechnik kommt zum Einsatz, Spannung und ausgefeilte Choreographie dagegen weniger. Ein ums andere Mal sehnt man den Abspann herbei, da das bodycountlose Rumgehampel nach einer Weile gehörig auf den Zeiger geht.

Stimmt am Anfang noch die Atmosphäre, merkt man mit zunehmender Laufzeit das abnehmende Budget. Der Großteil der Handlung spielt sich in verlassenen Wäldern und Wiesen ab, die teilweise zwar recht stimmig sind und sich wohltuend von den sich immer wieder wiederholenden Landschaften der meistern anderen Shaw-Brothers-Filme absetzen, aber die meiste Zeit über doch recht billig wirken.

Sind die Kostüme anfangs noch recht opulent, weichen sie belanglosen Leder-Pelz-Kombinationen aus dem Fundus einer italienischen Barbarenbilligproduktion.


Wenn das Geld knapp ist, tun's statt einer Kulisse und aufwendigen Haarteilen gerne auch eine schwarze Tischdecke im Hintergrund und ein Wischmop auf der Glatze

 


‚Journey of the Doomed’ sorgt für gehöriges Stirnrunzeln. Ist die erste halbe Stunde noch ganz ansehnlich wird der Film mit zunehmender Laufzeit zu einem wilden Genremix, der selbst für Trashfans dank der lahmen und konfusen Handlung nur bedingt zu empfehlen ist. Das Finale ist in seiner ausufernden Länge und ziellosen Choreographie antiklimatisch und ein Sinnbild dafür, dass die großen Tage der Shaws 1985 definitiv vorbei waren.


 

3 von 10 Glückskekse

1 Kommentar 4.9.11 17:41, kommentieren

Die lange Faust der Rache: Chang Chehs 'The Boxer from Shantung'

Originaltitel: 馬永貞 (Ma Yong-zhen)
Deutscher Titel: Der Pirat von Shantung
Herstellungsland/-jahr: Hongkong 1972




Format: 2,35:1

Regie: Chang Cheh
Drehbuch: I Kuang, Chang Cheh
Darsteller: Chen Kuan-tai, Cheng Kang-yeh, David Chiang, Ching Li, Ku Feng, Chiang Nan
Preise: -



‚The Boxer from Shantung’ gilt bei vielen Freunden des asiatischen Films als zeitloser Klassiker, war er doch bei seinem Release in den frühen 1970ern durchaus erfolgreich – auch im Westen. Das überlange Gangsterepos hob sich wohltuend von den Schwertkampfilmen und Musicals jener Tage ab und die im Original titelgebende Rolle des Ma Yong-zhen stellte Chen Kuan-tais erste große Hauptrolle dar. Später wurde er einer der größten Stars der Shaw Brothers. Der Film sollte ebenfalls Chang Chehs erste Abkehr vom Schwertkampffilm, hin zum Kung-Fu-Film sein, zudem war es der erste Job als Regieassistent für einen gewissen Wu Yusen, im Westen besser unter dem Namen John Woo bekannt.

 Der Tagelöhner Ma Yongzhen (Chen Kuan-tai) schlägt sich seit seiner Ankunft in Shanghai mehr schlecht als recht durch. Sein einziger Freund ist Xiao Jiangbei (Cheng Kangyeh), der ihn bei seinen Streifzügen durch die Stadt begleitet. Als Ma dem Gangster Tan Si (David Xiang) begegnet möchte auch er sich einen Namen in der Unterwelt Hongkongs machen. Nachdem Ma einen russischen Boxer besiegt hat, erlangt er Tan Sis Aufmerksamkeit, der ihn unter seine Fittiche nimmt. Doch der rivalisierende Boss Yang (Chiang Nan) hat es bereits auf Tan Sis Gebiete abgesehen und schmiedet einen mörderischen Plan.

Chang Cheh und Shaw-Dauerdrehbuchautor I Kuang (Kuang Ni) schrieben gemeinsam das Skript des Films und schon hier fangen die Probleme an: die Geschichte ist einfach total belanglos. In den mehr als 120 Minuten passiert so gut wie gar nichts. Die Geschichte bietet weder spektakuläre Wendungen, noch Spannung oder Dramatik. Mas Wandlung vom einfachen Tagelöhner zum respektierten Gangster wird schnell abgehandelt, ist schlecht ausgearbeitet und kaum nachvollziehbar. Ching Li, die bei den Credits an erster Stelle genannt wird, taucht eigentlich nur zwei Mal, nach gut 30 Minuten und am Ende, auf und spielt für den Film – obwohl sie Mas Loveinterest ist – überhaupt keine Rolle. Vermutlich wurde hier schon vor Veröffentlichung die Schere angesetzt und ihr Part aus Straffungsgründen einfach weitestgehend entfernt. Anders ist es kaum zu erklären, dass unter anderem ihr die letzte Szene gilt.

 Außerhalb der Actionszenen schleichen sind gehörige Längen ein. Cheh gelingt es abermals nicht eine groß angelegte Geschichte spannend und interessant zu erzählen und hält sich abermals mit überlangen Gesprächen über Nebensächlichkeiten auf. Die gleichen Umstände, die auch Filme wie ‚The Water Margin’ oder ‚All Men are Brothers’ ins Mittelmaß der Shaw-Produktionen abrutschen ließen. Cheh beherrscht es einfach besser kleinere Geschichten um Rache und Gier im Stile von ‚Vengeance’ zu erzählen.

Die Charakterisierung ist ebenso schlampig wie die Story: Ma ist ein arroganter Schnösel, der sich einzig und allein auf seine Kraft verlässt und bleibt das eigentlich auch bis zum Schluss. Die Gier nach Ruhm und Annerkennung sind seine treibenden Kräfte. Sein Freund Jiangbei ist nichts weiter als ein netter Sidekick und Boss Yang und seine Crew Standartbösewichter. Einzig Tan Si bekommt etwas mehr Profil, obwohl das eher David Xiangs standardmäßig gutem Spiel als dem Drehbuch zu schulden ist.

 

Das Budget hält den epochalen Charakter in recht engen Grenzen: es gibt kaum ausladende Kamerafahrten oder gar Panoramashots. Alles wirkt irgendwie bieder und lieblos. Die Kulissen sind recht einfach und wie immer Recyclingware, so dass zu keinem Zeitpunkt das Gefühl entsteht man befände sich in Shanghai – der asiatischen Weltmetropole der 1920er und 1930er Jahre. Es gibt weder prunkvolle Nachtclubs noch große Boulevards. Auf Autos wird gleich ganz verzichtet. Die Kostüme sind Massenanfertigungen und in fast jeder Szene sind mehrere Charaktere mit der gleichen Kleidung zu sehen. Irgendwie schafft es Chang nicht die beschränkten Mitte sinnvoll einzusetzen, weshalb der Film um Einiges billiger als andere Shawwerke wirkt.

 

Die Actionszenen sind spärlich gesät und nicht sonderlich ausgefallen inszeniert – unterhaltsame Shawstandartware, was sich gerade bei einem doch eher ambitionierten Projekt negativ bemerkbar macht. Dafür sind sie ziemlich blutig und explizit. Für gelegentliches Stirnrunzeln sorgt die Choreographie, die Ma fast nie zur Waffe greifen lässt, obwohl er eindeutig in der Unterzahl ist.

Die Schauspieler sind dann auch eher Mittelmaß. Chen Kang-yeh als Mas Begleiter spielt eine Standartnebenrolle runter: eigentlich etwas feige, immer loyal. Immerhin sorgt er für den ein oder anderen Anflug von Humor, neigt aber auch zu Overacting und dem Ziehen unpassender Grimassen. Ching Li ist nicht der Rede wert und sieht eigentlich nur nett aus. Chiang Nan als Boss Yang kann schön Böse sein und spielt recht souverän. David Xiang kann als gutmütiger Gangsterboss einige Akzente setzen und bekommt die meisten Sympathiepunkte, seine Rolle ist aber auch eher klein.

Größter darstellerischer Knackpunkt ist Chen Kuan-tai. Er spielt Ma dermaßen unsympathisch, dass dem Zuschauer jeder Zugang zu der Figur verwehrt wird. Auch das tragische Finale lässt einen kalt. Chen gelingt es nicht den Film zu stemmen, eckt mit seiner arroganten Art immer wieder an, zum einen liegt das am Drehbuch, zum anderen aber auch an Chens limitierten darstellerischen Fähigkeiten, die in einem Werk mit relativ wenig Action doch deutlicher zum Tragen kommen.

‚Boxer from Shantung’ ist biederes und oft langweiliges Eastern-Kino, das an seinen eigenen Ansprüchen ein Epos zu sein scheitert. Mit ausgefeilteren Charakteren, einem höheren Tempo und einem charismatischem Hauptdarsteller hätte Chang Cheh über seine eigenen Schwächen hinwegtäuschen können, so bleibt der Film aber nur eine ziemlich enttäuschende Angelegenheit.

3 von 10 Glückskekse

1 Kommentar 2.8.11 17:03, kommentieren

Der Stab der Rache: Lau Kar-Leungs '8 Diagramm Pole Fighter'

Originaltitel:  五郎八卦棍 (Wu lang ba gua gun)
Herstellungsland/-jahr: Hongkong 1983


Format: 2,35:1

Regie: Lau Kar-Leung
Drehbuch: I Kuang, Lau Kar-Leung
Darsteller: Gordon Liu Chia-Hui, Alexander Fu Sheng, Lily Li Li-Li, Kara Hui Ying-Hung, Ying Cheung-Cheung, Wang Lung-Wei, Lau Kar-Wing, Phillip Ko
Preise: -

Im Jahr 1983 war der Stern der Shaw Brothers Studios schon am Verglühen. Das Genre der Kung-Fu-Komödien und sein größter Star Jackie Chan waren fest in der Hand des Konkurrenzstudios Golden Harvest. Klassische, blutige Wuxia- und Martial-Arts-Filme waren kaum noch gefragt und nur Lau Kar-Leung (Liu Chia-Liang) gelang hier und da noch ein Hit für das Studio. Die Vorzeichen für Eight Diagram Pole Fighter standen denkbar schlecht und als während einer Drehpause Alexander Fu Sheng auch noch bei einem Autounfall ums Leben kam schien das Projekt am Ende. Doch Regisseur Lau Kar-Leung schrieb das Drehbuch um, machte Gordon Liu zum Hauptdarsteller und konnte den Film letzten Endes doch noch in die Kinos bringen. So etwas tut einem Film nur selten gut und so krankt Eight Diagram Pole Fighter vor allem an einem: seiner Story.

Song-Dynastie: Die Familie Yang ist eine beim Kaiserhof hoch angesehene Familie, die schon viele große Feldherren hervorgebracht hat. Auch Yang Ye und seine sieben Söhne stehen im Dienste der Kaisers und werden nach Jingsha beordert um dort gegen die Tartaren zu kämpfen. Dort geraten sie in einen Hinterhalt des intriganten Pan Mei (Lin Ke-Ming), der sich mit den Invasoren verbündet hat um seinen Sohn, der im Kampf mit einem der Yangs getötet wurde, zu rächen. Nur der 4. (Hou Hsiao), 5. (Gordon Liu) und 6. Sohn (Alexander Fu Sheng) der Yangs können entkommen. Während sich der 6. Sohn trotz schwerer Geisteskrankheit nach Hause retten kann, kommt der 5. Sohn in einem Kloster unter und möchte ein Mönch werden, doch durch sein aufbrausendes Wesen wird ihm diese Bitte verwehrt. Auch Pan Mei erfährt von den Überlebenden und ersinnt einen Plan die Familie Yang endgültig auszulöschen.

 

Der fast surreal anmutende Beginn – die Weissagung der Mutter Yang und die Schlacht bei Jingsha – machen den Einstieg nicht leicht. Die Dialoge sind gestelzt und die Kulissen minimalistisch. Auch die Choreographie der Schlacht kann nicht so recht überzeugen, sie wirkt, trotz teils recht blutiger Details, sehr theatralisch. Danach wird es aber besser: die Kulissen sind prächtiger, die Kampfszenen besser und die Dialoge griffiger.



Dennoch verfällt der Film über weite Teile in ein doch sehr behäbiges Tempo, wodurch das nach Alexander Fu Shengs Tod behelfsmäßig ausgebesserte Drehbuch besonders negativ auffällt: Hou Hsiaos Rolle, der 4. Bruder, der nach seiner Flucht gefangen genommen wird, fällt ganz weg. Alexander Fu Sheng als geisteskranker 6. Bruder taucht sporadisch auf, trägt aber kaum etwas zur eigentlichen Geschichte bei und spielt nach zwei Dritteln auch keinerlei Rolle mehr. Nicht einmal in einem Dialog wird das Schicksal der anderen beiden überlebenden Brüder zu einem einigermaßen befriedigenden Ende gebracht.



Die Hauptgeschichte konzentriert sich ganz auf Gordon Liu und seine Flucht ins Kloster, sowie die Rache an den Mördern seiner Angehörigen. Die Parallelen zu Lau Kar-Leungs 1978 erschienenem und auch mit Gordon Liu besetzten Die 36 Kammern der Shaolin sind nicht zu übersehen, obwohl die Szenen im Kloster zu keinem Zeitpunkt dessen Klasse erreichen. Abgesehen davon, wird die Episode im Kloster relativ schnell abgehandelt, ganze Zeitabschnitte werden dabei übersprungen und immer wieder durch Szenen im Hause der Familie Yang unterbrochen, was dem Film einen leicht unfertigen Charakter verleiht.


Das letzte Drittel ist fast ausnahmslos den Kampfszenen gewidmet und genau dort trumpft der Film auf und bietet das, worauf alle gewartet haben. Waren die Eröffnungsschlacht durch die Kulissen und die übertriebene Theatralik wenig fesselnd und der Kampf mit den Tartaren bei der Höhle des Jägers nicht wirklich gut choreographiert, so sind die Kampfszenen am Ende mit das Beste, was bei den Shaw Brothers inszeniert wurde. Spektakulär, abwechslungsreich und ziemlich blutig.



Darstellerisch ist der ganze Film auf solidem Niveau. Gordon Liu spielt im Prinzip seine Rolle aus Die 36 Kammern der Shaolin, die er nur in Nuancen variiert. Alexander Fu Sheng ist mit viel Leidenschaft bei der Sache, obwohl sein geisteskranker Charakter bereits nach dem zweiten Auftritt zu nerven beginnt. Der intrigante Lin Ke-Ming ist ein solider Bösewicht, während Wang Lung-Wei mal wieder seinen hässlichen, unpassenden Schnauzbart durch die Kulissen trägt. Die Damen sind mit Kara Hui und Yeung Ching-Ching als die jüngsten Töchter der Familie Yang, sowie Lily Li Li-Li als deren Mutter (obwohl sie gerade einmal 10 Jahre älter als Kara Hui ist) gut besetzt und gerade Kara Hui darf am Ende auch ordentlich austeilen. Außerdem gibt es kurze Auftritte von Schundfilmer Phillip Ko als Abt und Lau Kar-Wing als erstem Sohn der Yangs.

 

Eight Diagram Pole Fighter gilt bei Fans als einer der besten Filme der Shaw Brothers. Der Film leidet aber stark am Tod seines eigentlichen Hauptdarstellers: die Geschichte wirkt unausgegoren, das Tempo ist in der ersten Hälfte sehr behäbig und einige stilistische Ungereimtheiten sorgen für Unmut, während die zweite Hälfte durch viele sehr gute Actionszenen mehr als überzeugen kann und für sich gesehen ein kleines Meisterwerk des Kampfkunstfilms darstellt.

7 von 10 Glückskekse


Die DVD:
 Deltamac (Taiwan)


Bildqualität:
gut
2,35:1, anamorph; größtenteils gute Schärfe, manchmal aber auch ein sehr weiches Bild mit wenigen Details. Kaum Defekte.


Tonqualität:
okay
Dolby Digital 5.1 (Kantonesisch, Mandarin): der übliche Celestial-Upmix hat außer einiger neuer Effekte nicht viel Raumklang zu bieten, dafür ist er aber klar und ohne Defekte.


Extras:
solala

Standartware: knappe Produktionsnotizen und Biographien (Chin./Engl.), Bildergalerien (Behind the Scenes und Movie Stills), das Poster und eine Trailershow

Untertitel:
Englisch, traditionelles Chinesisch
Qualität der Untertitel: solala
Teilweise seltsame Übersetzungen, Auslassungen und viel zu kurze Einblendungen, teilweise im Bereich unter 1/2 Sekunde.


FSK:
 nie in Deutschland erschienen

Altersempfehlung: ab 16

Besonderheiten:
Die DVD aus Taiwan ist mit der DVD aus Hongkong identisch, bietet aber keinen Schuber.

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