Die lange Faust der Rache: Chang Chehs 'The Boxer from Shantung'

Originaltitel: 馬永貞 (Ma Yong-zhen)
Deutscher Titel: Der Pirat von Shantung
Herstellungsland/-jahr: Hongkong 1972




Format: 2,35:1

Regie: Chang Cheh
Drehbuch: I Kuang, Chang Cheh
Darsteller: Chen Kuan-tai, Cheng Kang-yeh, David Chiang, Ching Li, Ku Feng, Chiang Nan
Preise: -



‚The Boxer from Shantung’ gilt bei vielen Freunden des asiatischen Films als zeitloser Klassiker, war er doch bei seinem Release in den frühen 1970ern durchaus erfolgreich – auch im Westen. Das überlange Gangsterepos hob sich wohltuend von den Schwertkampfilmen und Musicals jener Tage ab und die im Original titelgebende Rolle des Ma Yong-zhen stellte Chen Kuan-tais erste große Hauptrolle dar. Später wurde er einer der größten Stars der Shaw Brothers. Der Film sollte ebenfalls Chang Chehs erste Abkehr vom Schwertkampffilm, hin zum Kung-Fu-Film sein, zudem war es der erste Job als Regieassistent für einen gewissen Wu Yusen, im Westen besser unter dem Namen John Woo bekannt.

 Der Tagelöhner Ma Yongzhen (Chen Kuan-tai) schlägt sich seit seiner Ankunft in Shanghai mehr schlecht als recht durch. Sein einziger Freund ist Xiao Jiangbei (Cheng Kangyeh), der ihn bei seinen Streifzügen durch die Stadt begleitet. Als Ma dem Gangster Tan Si (David Xiang) begegnet möchte auch er sich einen Namen in der Unterwelt Hongkongs machen. Nachdem Ma einen russischen Boxer besiegt hat, erlangt er Tan Sis Aufmerksamkeit, der ihn unter seine Fittiche nimmt. Doch der rivalisierende Boss Yang (Chiang Nan) hat es bereits auf Tan Sis Gebiete abgesehen und schmiedet einen mörderischen Plan.

Chang Cheh und Shaw-Dauerdrehbuchautor I Kuang (Kuang Ni) schrieben gemeinsam das Skript des Films und schon hier fangen die Probleme an: die Geschichte ist einfach total belanglos. In den mehr als 120 Minuten passiert so gut wie gar nichts. Die Geschichte bietet weder spektakuläre Wendungen, noch Spannung oder Dramatik. Mas Wandlung vom einfachen Tagelöhner zum respektierten Gangster wird schnell abgehandelt, ist schlecht ausgearbeitet und kaum nachvollziehbar. Ching Li, die bei den Credits an erster Stelle genannt wird, taucht eigentlich nur zwei Mal, nach gut 30 Minuten und am Ende, auf und spielt für den Film – obwohl sie Mas Loveinterest ist – überhaupt keine Rolle. Vermutlich wurde hier schon vor Veröffentlichung die Schere angesetzt und ihr Part aus Straffungsgründen einfach weitestgehend entfernt. Anders ist es kaum zu erklären, dass unter anderem ihr die letzte Szene gilt.

 Außerhalb der Actionszenen schleichen sind gehörige Längen ein. Cheh gelingt es abermals nicht eine groß angelegte Geschichte spannend und interessant zu erzählen und hält sich abermals mit überlangen Gesprächen über Nebensächlichkeiten auf. Die gleichen Umstände, die auch Filme wie ‚The Water Margin’ oder ‚All Men are Brothers’ ins Mittelmaß der Shaw-Produktionen abrutschen ließen. Cheh beherrscht es einfach besser kleinere Geschichten um Rache und Gier im Stile von ‚Vengeance’ zu erzählen.

Die Charakterisierung ist ebenso schlampig wie die Story: Ma ist ein arroganter Schnösel, der sich einzig und allein auf seine Kraft verlässt und bleibt das eigentlich auch bis zum Schluss. Die Gier nach Ruhm und Annerkennung sind seine treibenden Kräfte. Sein Freund Jiangbei ist nichts weiter als ein netter Sidekick und Boss Yang und seine Crew Standartbösewichter. Einzig Tan Si bekommt etwas mehr Profil, obwohl das eher David Xiangs standardmäßig gutem Spiel als dem Drehbuch zu schulden ist.

 

Das Budget hält den epochalen Charakter in recht engen Grenzen: es gibt kaum ausladende Kamerafahrten oder gar Panoramashots. Alles wirkt irgendwie bieder und lieblos. Die Kulissen sind recht einfach und wie immer Recyclingware, so dass zu keinem Zeitpunkt das Gefühl entsteht man befände sich in Shanghai – der asiatischen Weltmetropole der 1920er und 1930er Jahre. Es gibt weder prunkvolle Nachtclubs noch große Boulevards. Auf Autos wird gleich ganz verzichtet. Die Kostüme sind Massenanfertigungen und in fast jeder Szene sind mehrere Charaktere mit der gleichen Kleidung zu sehen. Irgendwie schafft es Chang nicht die beschränkten Mitte sinnvoll einzusetzen, weshalb der Film um Einiges billiger als andere Shawwerke wirkt.

 

Die Actionszenen sind spärlich gesät und nicht sonderlich ausgefallen inszeniert – unterhaltsame Shawstandartware, was sich gerade bei einem doch eher ambitionierten Projekt negativ bemerkbar macht. Dafür sind sie ziemlich blutig und explizit. Für gelegentliches Stirnrunzeln sorgt die Choreographie, die Ma fast nie zur Waffe greifen lässt, obwohl er eindeutig in der Unterzahl ist.

Die Schauspieler sind dann auch eher Mittelmaß. Chen Kang-yeh als Mas Begleiter spielt eine Standartnebenrolle runter: eigentlich etwas feige, immer loyal. Immerhin sorgt er für den ein oder anderen Anflug von Humor, neigt aber auch zu Overacting und dem Ziehen unpassender Grimassen. Ching Li ist nicht der Rede wert und sieht eigentlich nur nett aus. Chiang Nan als Boss Yang kann schön Böse sein und spielt recht souverän. David Xiang kann als gutmütiger Gangsterboss einige Akzente setzen und bekommt die meisten Sympathiepunkte, seine Rolle ist aber auch eher klein.

Größter darstellerischer Knackpunkt ist Chen Kuan-tai. Er spielt Ma dermaßen unsympathisch, dass dem Zuschauer jeder Zugang zu der Figur verwehrt wird. Auch das tragische Finale lässt einen kalt. Chen gelingt es nicht den Film zu stemmen, eckt mit seiner arroganten Art immer wieder an, zum einen liegt das am Drehbuch, zum anderen aber auch an Chens limitierten darstellerischen Fähigkeiten, die in einem Werk mit relativ wenig Action doch deutlicher zum Tragen kommen.

‚Boxer from Shantung’ ist biederes und oft langweiliges Eastern-Kino, das an seinen eigenen Ansprüchen ein Epos zu sein scheitert. Mit ausgefeilteren Charakteren, einem höheren Tempo und einem charismatischem Hauptdarsteller hätte Chang Cheh über seine eigenen Schwächen hinwegtäuschen können, so bleibt der Film aber nur eine ziemlich enttäuschende Angelegenheit.

3 von 10 Glückskekse

2.8.11 17:03

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