Der (Alb)Traum vom Eigenheim: Pang Ho Cheungs 'Dream Home'

 

Hongkong ist eine Stadt der Superlative, aber auch eine Metropole der Gegensätze: moderne Einkaufszentren existieren neben traditionellen chinesischen Märkten, ebenso wie reiche Geschäftsmänner und Wanderarbeiter am Rande ihrer Existenz oder glitzernde Glaspaläste und dem Verfall nahe Wohnghettos. Das Preisniveau in Hongkong ist hoch und steigt weiter, die Schere zwischen Arm und Reich geht – wie in Europa auch – immer weiter auseinander, die Mittelschicht wird langsam zum Opfer des Raubtierkapitalismus. Das eigene Zuhause, eines der Symbole des Wohlstands, wird immer unerschwinglicher. Gerade in einer Stadt wie Hongkong, dessen bebaubare Flächen begrenzt sind und neuer Wohnraum kaum zu schaffen ist.

Regisseur und Co-Drehbuchautor Pang Ho-Cheung (‚Beyond our Ken’, ‚Isabella’, ‚Trivial Matters' ) greift diverse soziale Probleme der Hongkonger Mittelschicht auf. In seinem knallharten Thriller ‚Dream Home’ zeigt er wie mörderisch die Suche nach einem passenden Eigenheim sein kann.

 

 Eine Schildkappe ist das passende Accessoire zu Josie Hos Frisur

Cheng Lai-Sheung (Josie Ho) arbeitet im Callcenter einer großen Bank, doch selbst mit zwei zusätzlichen Nebenjobs hält kann sie sich gerade so über Wasser halten. Nebenbei kümmert sie sich um ihren kranken Vater oder trifft sich mit einem reichen Geschäftsmann in einem Stundenhotel. Ihr Alltag ist trostlos, doch Sheung hat einen Traum: ein eigenes Appartement mit Blick aufs Meer. Und um sich ihren Traum vom Eigenheim zu erfüllen geht die junge Frau buchstäblich über Leichen.

Nie um eine schlechte Frisur verlegen: Eason Chan und Josie Ho
 

‚Dream Home’ ist in erster Linie eines: phantastisch fotografiert. Allein im Vorspann bauen sich riesige Gebäudekomplexe fast wie in Trance vor dem Zuschauer auf, fahren auf ihn zu, bersten auseinander. Dabei sind es nicht einmal die berühmten Glaspaläste der Hongkonger Skyline sondern normale, teilweise schäbige Wohnblöcke in denen das Gros der Bewohner der ehemaligen Kronkolonie lebt. Allein diese Sequenz macht den Film sehenswert und erinnert in gewisser Weise an Christopher Nolans ‚Inception’. Auch die restlichen Szenen sind allesamt exquisit gefilmt und bieten einige Leckerbissen für die Augen. Das Ganze wird von dem unaufdringlichen und sehr passenden Score Gabriele Robertos perfekt untermalt. Dass es in beiden Kategorien weder Auszeichnung noch Nominierung bei den Hong Kong Film Awards gab ist fast ein kleiner Skandal.


'Was mach ich blos mit der Sauerstoffmaske?'
 


 

Dafür gab es aber eine Nominierung für Josie Ho als beste Hauptdarstellerin. Und die macht ihre Sache mehr als ordentlich, liegt es quasi an ihr den Film zu tragen. Sie schafft es mit ihrer Darstellung in ihren besten Momenten beim Publikum so etwas wie Mitgefühl auszulösen, was obgleich ihrer Taten schon sehr schwer zu bewerkstelligen ist. Im Kern ist ihre Figur eine verletze Seele, ein kleines Mädchen, dass sich um jeden Preis nur einen einzigen Wunsch erfüllen möchte.

Klar, dass die Nebencharaktere da komplett in den Hintergrund treten. Mit Eason Chan (‚I corrupt all Cos' ) und Norman Tsui (‚Das Schwert' ) sind wenigstens zwei bekannte Gesichter in den wichtigsten Nebenrollen mit an Bord. Eason Chan als Sheungs Geliebter ist eine Karikatur ihres Gleichen mit schleimiger Frisur und noch schleimigerem Charakter, während Norman Tsui in seinen kurzen Auftritten durchaus überzeugen kann.

Ein Bett von Ikea kann in den Wahsinn treiben


Die Geschichte wird sehr verschachtelt erzählt, es gibt unzählige Rückblenden, Rückblenden innerhalb von Rückblenden, Rückblenden, die andere Rückblenden einleiten, etc. . Der ganze Film ist etwas kompliziert aufgebaut, durchaus geschickt, aber doch ein hohes Maß an Aufmerksamkeit fordernd. Zwar werden immer wieder Datumsangaben und Uhrzeiten eingeblendet, unaufmerksame Zuschauer können aber leicht den Überblick verlieren. Darüber hinaus sei noch anzumerken, dass man Josie Ho beim besten Willen keine Mittelschülerin abnimmt.

Was ist erschreckender? Josie Hos Tat oder die Gewissheit, dass es tatsächlich Poster über die Anatomie von Kakerlaken gibt? 


 

Das Hauptproblem von ‚Dream Home’ liegt in der Unvereinbarkeit von Thema und Genre. Der Film versucht auf aktuelle soziale und gesellschaftliche Probleme Hongkongs aufmerksam zu machen: die überzogenen Wohnungspreise, die geringen Einkünfte vieler Angestellter, das teure Gesundheitssystem, die Willkür von Versicherungen. Löbliche Themen, genug Potential für eine bissige Satire oder ein bewegendes Großstadtdrama, selbst für einen Thriller – aber auch für einen Splatterfilm?

Denn genau das ist ‚Dream Home’ über weite Strecken – in seiner ungekürzten Fassung versteht sich. Und genau hier liegt auch das Dilemma in dem der Film steckt: die Zuschauer, die sich den Film wegen den drastischen, zugegebenermaßen meist sehr gut inszenierten und kreativen Tötungsszenen anschauen lässt die Story weitestgehend kalt. Diejenigen, die sich den Film der Thematik halber anschauen schreckt die exzessive Gewalt ab.

Eine der harmloseren Szenen aus 'Dream Home' 


 

So stellt sich die Frage, in wie weit ist die Story nur Mittel zum Zweck ausgiebige Tötungsszenen zu relativieren? Oder aber ist die Gewalt nur ein drastisches Mittel um auf die sozialen und gesellschaftlichen Missstände in Hongkong aufmerksam zu machen? Eine Antwort fällt schwer, zumal sich der Film ganz klar dem Vorwurf selbstzweckhafter Gewaltdarstellungen stellen muss. Die Szenen sind lange, grausam und teils abstoßend. Muss eine schwangere Frau brutal auf den Bauch fallen und anschließend qualvoll ersticken? Muss ein Mann minutenlang seine eigenen Gedärme in Händen halten ehe er erschossen wird? Muss ein anderer Mann auf seinem eigenen Erbrochenen ausrutschen und eine tödliche Kettenreaktion auslösen? Ok, die letzte Szene entbehrt sich nicht einer gewissen grotesken Komik, die anderen beiden Szenen, sowie noch einige andere, sind aber doch sehr drastisch inszeniert und darauf aus vor allem Gorehounds anzusprechen.

Der Film soll angeblich auf einer wahren Begebenheit beruhen, was wohl mehr geschickter Marketinggag als belegbare Tatsache ist.

Ein Ausrutscher mit blutigen Folgen


‚Dream Home’ macht es seinem Publikum nicht leicht: einerseits ist er ein exzellent gefilmtes Drama einer bedauernswerten Persönlichkeit, getragen von einer phantastischen Josie Ho. Andererseits stoßen die grausamen Gewaltexzesse teils doch sehr sauer auf und bilden einen steilen Kontrast. Der Film ist eine einzige Kontroverse: bewegend, abstoßend, packend, anekelnd, beeindruckend, erschreckend – schwer zu verdauen und schwer zu beweten.

Keine Wertung

Anmerkung zur deutschen DVD/Blu Ray: die deutsche Fassung (FSK 18) ist um mehr als 3 Minuten zensiert und im falschen Bildformat!

23.9.11 17:54

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