Lost in Taipeh - Peter Keglevics 'Der Chinese'

 

Neben Rosamunde Pilcher und Donna Leon ist Henning Mankell der Autor, der wohl am häufigsten für das deutsche öffentlich-rechtliche Fernsehen verfilmt wird, meist als internationale Co-Produktionen. So auch Mankells Bestseller ‚Der Chinese’, den die ARD als letztes großes TV-Event des Jahres 2011 als deutsch-schwedisch-österreichisches 3-Stunden-Epos realisierte und mit Suzanne von Borsody und Michael Nyqvist (bekannt aus den Stieg-Larsson-Verfilmungen) recht prominent besetzte. Mit Peter Keglevic (‚Kongo' ) konnte zudem ein TV-Event-Film erprobter Regisseur engagiert werden. Das ordentliche Budget und internationale Drehorte versprechen auf dem Papier einen spannenden Fernsehabend, doch ‚Der Chinese’ entpuppt sich schon bald als ganz große Mogelpackung.

In einem kleinen schwedischen Dorf werden 19 Menschen Opfer eines grausamen Verbrechens: sie alle wurden auf bestialische Weise mit einem Schwert hingerichtet und grausam verstümmelt. Unter den Opfern befinden sich die Eltern und einige entferntere Verwandte der Richterin Birgitta Roslin (Suzanne von Borsody). Schnell hat die Polizei einen Tatverdächtigen, der die Tat auch gesteht. Doch Roslin zweifelt. Ein ähnliches Verbrechen in den USA und ein geheimnisvoller Chinese deuten auf weit mehr als die Tat eines Wahnsinnigen hin. Die Spur führt sie und ihren zukünftigen Ex-Mann nach Guangzhou, Volksrepublik China.

Größtes Problem des Thrillers ist Mankells Vorlage. ‚Der Chinese’ ist nicht Mankells bester Roman und so ist auch die Verfilmung äußerst unausgegoren. Unentschlossen springt die Handlung zu Beginn zwischen den lokalen Ermittlern am Tatort, der Richterin Roslin, China und Rückblenden in die USA Mitte des 19. Jahrhunderts hin und her. Das sorgt einerseits zwar für etwas Kurzweil, andererseits aber auch dafür, dass ziemlich schnell Motiv und Täter klar werden und man die kommenden gut 140 Minuten auf eine überraschende Wendung hofft, die allerdings nie eintritt. Alles ist zu offensichtlich, zu simpel und ziemlich weit hergeholt. Das Motiv ist lachhaft und stellt selbst so manchen schlechten US-Thriller in den Schatten.

Viele Hinweise werden durch den Zufall forciert, so findet Roslin beispielsweise gleich zwei Hinweise direkt auf den Titelseiten verschiedener chinesischer Zeitschriften.

Die Stimmung des Films ist ruhig, selten kommt es zu dramatischen oder gar schockierenden Szenen, dennoch ist die eine oder andere Gewaltdarstellung, gerade am Anfang, für einen FSK-12-Film doch recht drastisch.

Der Film ist sehr dialoglastig, es wird viel geredet, meistens um den heißen Brei und selten wirklich sinnvoll. Die im Buch recht positive Darstellung Maos wird versucht so weit wie möglich zu umschiffen, Roslins jugendliche Begeisterung für den chinesischen Führer wird nur einmal am Rande angekratzt und durch hinlänglich bekannte Lappalien eines schwedischen Sinologen kritisiert. Themen wie Kapitalismus versus Kommunismus und die Probleme, die ebenjene Entwicklungen für China und die Welt mit sich bringen werden grob umrissen kommen aber niemals über Stammtischwissen hinaus. Floskeln und Banalitäten geben sich die Klinke in die Hand.

Die Ausbeutung der nach Amerika ausgewanderten Chinesen – freiwillig oder unfreiwillig – im 19. Jahrhundert wird zu einer noch immer blutenden nationalen Wunde hochstilisiert, wohingegen die noch immer sehr viel präsenteren Kriegsverbrechen der Japaner während des 2. Weltkrieges mit keinem Wort erwähnt werden.

Die Figuren sind ziemlich klischeehaft: Richterin Roslin ist eine starke Frau, mit ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn, immer rechtschaffen, immer auf der richtigen Spur und niemals bestechlich. Selbst als sie sich am Ende über ihre Prinzipien hinwegsetzt handelt sie doch eher aus Notwehr als aus Rache. Suzanne von Borsody gibt der Figur zwar etwas Profil, wirkt in vielen Szenen, vor allem in China, doch sehr hölzern.

Gleiches gilt für Michael Nyqvist. Glänzte er noch in den Stieg-Larsson-Verfilmungen, spielt er Roslins Ex-Ehemann mit bedrückender Gleichgültigkeit. Zudem hat er derart wenige Szenen, dass die Erwähnung als zweiter Hauptdarsteller fast schon ironisch wirkt. Seine Figur ist bestenfalls Beiwerk und trägt kaum etwas zur Handlung bei.

Claudia Michelsen als schwedische Kommissarin wirkt deplaziert und amateurhaft. Wenn sie zu Beginn mit gezückter Waffe durch das Dorf schreitet mutet sie mehr wie ein Kind mit Wasserpistole als wie eine erfahrene Polizistin an. Immerhin verschwindet ihre Figur nach gut 90 Minuten – mit einer kurzen, unnötigen Unterbrechung – vollkommen aus der Handlung.

Am schlimmsten hat es aber die Chinesen erwischt. Der titelgebende Chinese wird von dem Japano-Amerikaner James Taenaka gespielt, ein immer noch üblicher Faux Pas bei internationalen Produktionen. Sein spiel ist okay, seine Rolle als kapitalistisch motivierter Geschäftsmann einerseits und düsterer Ränkeschmied andererseits teils arg lächerlich.

Die aus Singapur stammende Amy Cheng ist wenigstens ethnisch gesehen Chinesin und ganz nett anzusehen, wenngleich auch ihre Rolle nicht wirklich originell ist. Zwischen familiären und parteilichen Verpflichtungen hin und her gerissen überzeugt sie auch darstellerisch nur bedingt. Der ein oder andere Ausspruch ihrerseits sorgt selbst bei China-Laien für heftiges Stirnrunzeln. Als Mitarbeiterin des chinesischen Staatsschutzes, oder welcher Polizeibehörde auch immer (Zitat: „Ich bin für die Sicherheit in Kanton verantwortlich" ) rennt sie den ganzen Film über als einzige Chinesin in einem traditionellen chinesischem Kleid herum, was für eine Polizistin doch recht unpraktisch sein sollte und sich auch in der Volksrepublik bei Büromitarbeitern westliche Kleidung etabliert hat.

Immerhin können Musik und Kameraarbeit die meiste Zeit überzeugen. Chefkameramann Alexander Fischerkoesen fängt nette Bilder der taiwanesischen Hauptstadt Taipeh ein. Taipeh? Ja, genau Taipeh. Die republikchinesische Metropole muss als Double für Guangzhou Pate stehen und spätestens bei Roslins Ankunft in der Stadt wird ‚Der Chinese’ endgültig zur Lachnummer: Schilder mit traditionellen Schriftzeichen (im Gegensatz zu den in der VR China verwendeten vereinfachten Schriftzeichen) oder die typische gelbe Lackierung der taiwanesischen Taxis mögen nur Kennern auffallen, das berühmte Grandhotel und einige kurze Shots von Taipeh 101 dürften aber auch bei durchschnittlich gebildeten Zuschauern Fragen aufwerfen. Besonders dreist wird die Angelegenheit wenn hin und wieder Karten Guangzhous eingeblendet werden, die entsprechende Person sich aber eindeutig in Taipeh aufhält. Dass die örtliche Polizei wenigstens einigermaßen china-ähnliche Uniformen spendiert bekommen hat, vor einem Polizeirevier mitten im Trendviertel Ximen ein chinesisches Polizeiauto parkt und einige eingeblendete Zeitschriften in vereinfachten Schriftzeichen gehalten wurden reicht leider nicht zur Ehrenrettung.

Immerhin war man in Taiwan mit dem Ausstellen von Drehgenehmigungen recht großzügig und so bekommen wir einige schöne Aufnahmen der Stadt und des internationalen Flughafens Taoyuan – inklusive einer Totalen der Haupthalle mit einigen Hinweisen auf Taiwan – zu sehen.

Schlimm wird es in den Rückblenden in die USA. Augenscheinlich in Schweden gedreht, sind Nevadas Wälder erstaunlich gut belaubt wodurch diese Szenen der Atmosphäre den finalen Todesstoß versetzen.

‚Der Chinese’ ist in der ersten Hälfte ein langatmiger und langweiliger Thriller, in der zweiten Hälfte wird er dann bestenfalls zu einem netten Städtetrip durch Taiwans Hauptstadt, bis zur lächerlichen Auflösung und dem lahmen Finale.

Der Film ist gut eine Stunde zu lang und auch darstellerisch nicht sonderlich bewegend.

Taipeh als Drehort wäre vertretbar hätte man sich wenigstens Mühe gegeben die Stadt richtig ‚chinesisch’ wirken zu lassen, stattdessen gibt es eine Tour entlang der Sehenswürdigkeiten. Inhaltlich wie visuell wird dem Zuschauer so nicht nur ein lahmer Thriller sondern auch ein verfälschtes Chinabild (Taiwan ist immerhin eine Demokratie) vermittelt.

 

2 von 10 Glückskekse

31.12.11 11:03

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