Im Fandenkreuz: Dante Lams 'The Sniper'

 

Als Edison Chen im Februar 2008 seinen Computer reparieren lies hatte er wohl am wenigsten damit gerechnet, sich kurze Zeit später auf den Titelseiten sämtlicher Boulevardblätter im chinesischsprachigen Raum wieder zu finden. Irgendjemand hatte auf Chens Rechner ziemlich explizite Bilder des beliebten Sängers und Schauspielers mit seinen nicht minder prominenten Bettgeschichten entdeckt und sogleich ins Internet gestellt. Ein handfester Skandal, der die Unterhaltungsindustrie und auch die Gerichte der ehemaligen Kronkolonie mehrere Monate lang beschäftigte war die Folge. Neben den persönlichen, psychischen Belastungen für alle Beteiligten, bedeutete dieser Skandal auch einen schweren Einschnitt in die Karrieren der beteiligten Prominenten. Eines der bekanntesten Beispiele hierfür ist Dante Lams Actionthriller ‚The Sniper’, vor dem Aufkommen des Skandals fertig gestellt, aber erst danach veröffentlicht, wurde der komplette Film umgeschnitten und einige Szenen nachgedreht um so die von Edison Chen dargestellte Hauptfigur aus dem Fokus zu nehmen. Dass derartige Eingriffe selten glücken dürfte wohl klar sein.

Hartman (Richie Ren) ist Leiter der Scharfschützen des SDU der Polizei von Hongkong. Durch Zufall gerät der junge Streifenpolizist OJ (Edison Chen) in eine von Hartman geleitete Aktion und weiß sich zu bewehren. Der Inspektor rekrutiert ihn für seine Truppe, verbannt ihn aber zunächst auf die Ersatzbank. OJ ähnelt vom Charakter her Hartmans ehemaligen Kollegen Lincoln (Huang Xiaoming), der nach einer eigenmächtigen Handlung im Gefängnis landete. Dieser hat nun seine Haftstrafe abgesessen und verlangt nach Rache.

 

‚The Sniper’ ist mit Richie Ren, Edison Chen und Huang Xiaoming in den Hauptrollen gut besetzt, wenngleich Chen und Huang gelegentlich etwas lethargisch ihren Text runterrasseln, stimmt die Chemie zwischen den Schauspielern. Chens draufgängerischer Jungspund passt gut zu ihm und der junge Darsteller bringt die nötige Arroganz und Selbstüberschätzung für die Rolle mit.

Huang wirkt teilweise etwas unbeteiligt und den gebrochenen Helden stellt er besser dar als den gnadenlosen Rächer.

Richie Ren überzeugt als integerer Inspektor ebenso wie als allein erziehender Vater.

In einer etwas größeren Nebenrolle tritt zudem Liu Kai-Chi auf, der etwas väterliche Wärme in den rauen Polizeialltag bringt.

Kameramann Cheung Man-Po liefert schicke Bilder der asiatischen Metropole, die, sobald es in windige Höhen geht, ziemlich spektakulär sind. Die meiste Zeit über setzt Lam weniger auf bekannte Schauplätze und siedelt seinen Film in Wohnvierteln, Hinterhöfen und den Außenbezirken an, was dem Ganzen eine gewisse Authentizität bringt.

Der Film bietet einige schöne urbane Actionszenen, die allesamt perfekt inszeniert sind und teilweise auch recht blutig ausfallen. Lediglich der etwas langatmige Showdown enttäuscht.

 

Wo sich Lam dieses Mal verzettelt ist die Geschichte. Seine Filme erfinden nie den Thriller neu, aber gerade bei ‚The Sniper’ wirken viele Elemente der Story lieblos und formelhaft. Wie immer gibt es auch hier eine große Portion Seifenoper dazu. Jeder der Hauptcharaktere hat sein Päckchen zu tragen, die einzelnen Handlungsstränge werden aber relativ schnell und oberflächlich abgearbeitet ohne tiefer auf die Probleme oder gar etwaige Lösungsansätze einzugehen. So tauchen Hartmans Frau und Tochter beispielsweise nur in einer Szene zu Beginn auf, ebenso wie OJs Vater, ihr Schicksal bleibt der Fantasie des Zuschauers überlassen. Statt die familiären Probleme seiner Figuren nur anzukratzen, hätte Lam besser auf sie verzichten sollen.

 

Auch der Neuschnitt des Filmes war dem Endprodukt nur wenig zuträglich. OJ, augenscheinlich in der ersten Fassung als bindender Charakter zwischen Hartman und Lincoln und Identifikationsfigur des Publikums vorgesehen, verkommt vor allem in der Mitte weitestgehend zum Statist. So sind dann auch einige seiner Szenen, beispielsweise sein Aufeinandertreffen mit Lincoln oder sein angerissenes Privatleben, in der vorliegenden Fassung vollkommen bedeutungslos. Ebenso wenig gibt es in dieser Fassung einen Hauptcharakter, so springt die Handlung immer unentschlossen zwischen Hartman, Lincoln und OJ hin und her ohne sich wirklich auf eine oder zwei Figuren zu fokussieren. Der Konflikt zwischen Hartman und Lincoln, eigentlich Hauptmotor der Geschichte und das Finale büßen dadurch einiges an Spannung und Überzeugungskraft ein. So besitzt der Film trotz einer Laufzeit von unter 90 Minuten doch die ein oder andere Länge.

 

Dante Lam bleibt auch mit ‚The Sniper’ seinem eigenen Stil treu und liefert einmal mehr optisch ansprechende, hoch budgetierte Thriller-Unterhaltung, die allerdings durch unmotivierte Drama-Einschübe und den mehr oder weniger nötigen Umschnitt einiges an Potential auf der Strecke lässt. Der kommerzielle Erfolg wäre mit Edison Chen als Hauptdarsteller vielleicht weitaus schlechter ausgefallen, der Film aber auf jeden Fall bedeutend besser.

6 von 10 Glückskekse

10.1.12 15:39

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