Auf Zeitreise: Mikael Håfströms 'Shanghai'

 

Shanghai war schon immer eine der faszinierendsten Metropolen der Welt. Während sie heute Inbegriff des wirtschaftlichen Aufschwungs der Volksrepublik China ist und Besucher aus aller Welt anzieht, war sie in den 1920er und 1930er Jahren das kosmopolitische Zentrum Asiens, Tummelplatz für Glücksritter, Ausgestoßene und Spione aller Herren Länder. Die zur damaligen Zeit einzige Weltstadt Asiens steht im Zentrum von Mikael Håfströms klasischem Noir-Thriller, der den Kriegseintritt der USA aus einem völlig anderen Blickwinkel betrachtet.

Shanghai 1941: Der amerikanische Spion Paul Soames (John Cusack) kommt frisch aus Berlin in der pulsierenden Metropole an, die immer mehr in die Hand ausländischer Mächte gerät und in Sektoren für Franzosen, Japaner, Amerikaner und andere Ausländer aufgeteilt ist. Im Inneren brodelt es: jeder versucht seine Interessen durchzusetzen, während einige wenige Chinesen erbittert widerstand leisten. In diesem Moloch versucht Soames den Mörder seines Freundes aufzudecken, dem auf offener Straße brutal die Kehle aufgeschnitten wurde. Dabei macht er Bekanntschaft mit Anna Lan-Ting (Gong Li), Ehefrau des Gangsterbosses Anthony Lan-Ting (Chow Yun-Fat), der mit dem japanischen Offizier Tanaka (Ken Watanabe) kollaboriert. Die kühle Schönheit übt eine faszinierende Anziehungskraft auf den Agenten aus, der er sich bald nicht mehr zu entziehen weiß. Inzwischen dreht sich das Rad der Geschichte weiter und der 2. Weltkrieg steuert langsam auf einen neuen Höhepunkt zu…

Lange lag Mikael Håfströms Thriller in den Schubladen der Studios herum, ehe er in einigen wenigen Kinos dann doch gezeigt wurde, mit verhaltenem Erfolg. Berechtige? Zum Teil. Das junge Kinopublikum lässt sich in Zeiten der ‚Transformers’ kaum mehr von einem klassischen Film-Noir begeistern, der genauso gut in den 1940ern entstanden sein könnte. Dabei hat der Film durchaus einen gewissen Reiz.

Das Setting ist stimmig und mit viel Aufwand inszeniert. Die Atmosphäre Shanghais in den frühen 1940ern wird beeindruckend eingefangen. Kulissen, Kostüme, Statisten und nicht zu letzt die ordentlichen CGIs sorgen für ein gelungenes Porträt jener Tage. Dabei fällt es kaum auf, dass nicht in Shanghai sondern in Thailand und England gedreht wurde. Allzu viel ‚altes Shanghai’ existiert ohnehin nicht mehr.

Beleuchtung, Kamera und Schnitt sind allesamt auf hohem Niveau, fangen die opulenten Kulissen schön ein und tragen viel zur klassischen, nostalgischen Thriller-Atmosphäre bei.

Mikael Håfström ist sehr um Authentizität bemüht, verwendet er in seinen Dialogen einen meist plausiblen Sprachenmix aus Englisch, Chinesisch und Japanisch. In einigen Szenen fragt man sich dennoch, warum Ann Lan-Ting mit ihrem Mann Englisch statt Chinesisch redet obwohl beide in anderen Szenen dies getan haben.

Die Schauspieler liefern gute Leistungen ab. Einzig John Cusack hätte beherzter bei der Sache sein können. Zwar ist er durchaus sympathisch, ein wenig mehr Schalk oder auch Düsternis wären aber wünschenswert, um voll in der Rolle zu überzeugen. Gong Li hingegen spielt leidenschaftlich die revoltierende Gangsterbraut mit kühler Erotik und der richtigen Balance zwischen Härte, Verletzlichkeit, Gefühl und Kalkül. Ken Watanabe hat, wie der immer wieder gern gesehene David Morse, zwar relativ wenig Spielzeit, nutzt sie aber gut aus um einen differenzierten Charakter zwischen kaltblütiger Pflichterfüllung und Herzenswärme zu schaffen. Chow Yun-Fat spielt den Gangsterboss mit viel Herzblut und darf auch in zwei Actionszenen ordentlich Kugeln verteilen.

Gerade in den Actionszenen zeigt sich der Film dann- für einen Film Noir – auch erstaunlich blutig. Die Szenen sind auch gut inszeniert und am Ende, als die japanischen Truppen schließlich in Shanghai einmarschieren, darf es dann noch mal so richtig krachen: Schüsse, Explosionen, einstürzende Gebäude und dazwischen Gong Li und John Cusack auf der Flucht. Spätestens jetzt ist ‚Shanghai’ großes Kino und erinnert entfernt an gleichartige Szenen aus Spielbergs ‚Im Reich der Sonne’. Erfreulicherweise wurde auf allzu viele Computertricks verzichtet und das Finale ist weitgehend ‚handgemacht’.

Bei der der Geschichte setzt Mikael Håfström auf bewährte Film Noir Zutaten: ein mysteriöser Mord, eine noch mysteriösere Schöne, eine verschwundene Frau, eine feindliche, verschlossene Stadt, Intrigen, Verschwörungen und einen etwas desillusionierten Helden, der sich eher im Sarkasmus übt als große Gefühle zu hegen und die Situationen gelegentlich aus dem Off kommentiert. Leider wird diese Kommentarpraxis eher unmotiviert betrieben und so bleiben sie die Ausnahme statt die Regel. Neues sucht man vergebens aber das exotische Setting und einen eigentlichen Nebenkriegsschauplatz als Auslöser eines neuen Höhepunktes des 2. Weltkriegs zu deklarieren hat durchaus seine Reize. Schnell wird klar, wer und was hinter der ganzen Sache stecken und der ganz große Wow-Effekt am Ende bleibt aus, dennoch ist das Ganze bis zum Ende hin wenigstens leidlich spannend.

‚Shanghai’ erfindet das Rad nicht neu, zeigt sich ziemlich klassisch und – was Story und Genre betrifft – nicht mehr so ganz am Puls der Zeit. Aber gerade hier hat der Film seinen Reiz. Kopieren viele Filme mehr schlecht als recht irgendwelche Trends, ignoriert Håfström diese fast ausnahmslos und sucht seine Inspiration in den 1940er und 1950er Jahren. Gerade dadurch ist der klassische Film eine angenehme Abwechslung zu allem anderen, was man heute so im Kino findet.

7 von 10 Glückskekse

Die deutsche Blu Ray beitet gute Bildqualität, der Ton ist okay, hat aber relativ leise abgemischte Dialoge. Schön, dass Passagen auf Japanisch oder Chinesisch im Original belassen und untertitelt wurden. Die Extras sind mau.

Bild: 8/10

Ton: 7/10

Untertitel: 7/10

Extras: 4/10

Sychro: 7/10

Übersetzung: 9/10

21.3.12 12:16

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