Revolución! Revolución! - Jackie Chans und Li Zhangs '1911'

 

Pünktlich zum 100. Jahrestag der Xinhai-Revolution, die von Wuchang aus startend letztendlich die zweitausendjährige Herrschaft der chinesischen Kaiser beendete liefert uns der üppige staatseigene Filmfond der Volksrepublik China die passende filmische Aufbereitung dieser Ereignisse. Als Vater dieser Revolution und des modernen Chinas wird Dr. Sun Yat-sen (Mandarinumschrift: Sun Yi-xian) in der Republik China (Taiwan) ebenso verehrt wie auf dem chinesischen Festland, so verwundert es kaum, wie viele Filme sich mehr (‚Bodyguards & Assassins’, ‚The Soong Sisters&rsquo oder weniger (‚Once upon a Time in China II&rsquo mit dieser historischen Figur befassen. Als Co-Regisseur (oder ‚General Director’, wie es im Vorspann heißt) und Darsteller fungierte der internationale Superstar Jackie Chan, mit wenig berauschendem Ergebnis. Von Kritikern als Propagandawerk zerrissen und in Taiwan erst gar nicht im Kino gestartet (da die Anzahl der Kinostarts volkschinesischer Filme in der Republik China beschränkt sind und im Jahr 2011 bereits die Höchstzahl erreicht wurde) sorgten für wenig Beachtung außerhalb der Volksrepublik. Aber ist der Film wirklich so schlecht?

 

Nach mehreren Niederlagen erringen die Truppen der Revolutionäre am 10. Oktober 1911 in Wuchang ihren ersten wichtigen Sieg über die Armee des chinesischen Kaiserhauses. Nach und nach fallen mehr Städte in die Hände der Aufständischen. Während ihr geistiger Führer Sun Yi-xian (Winston Chao) im fernen Amerika bei den finanzstarken Auslandschinesen um Spenden für die große Sache wirbt, führt Suns Freund Huang Xing (Jackie Chan) seine Soldaten gegen die Qing in die Schlacht. Mit Hilfe ausländischer Investoren versucht die Kaiserinwitwe Longyu (Joan Chen) Yuan Shi-kais (Chun Sun) Beihai-Armee, die einzige moderne Armee Chinas, auf ihrer Seite zu halten. Doch Yuan ist ein gar flatterhaftes Wesen…

 

Ein von der volkschinesischen Regierung finanzierter Historienfilm lässt Kritiker in aller nichtvolkschinesischer Welt schon mal im Vorfeld sämtliche Propagandakeulen schwingen und die Filme nach allen Regeln der Kunst – manchmal zu recht, oft aber unnötig – politisieren. So auch bei ‚1911’, dem volkschinesischer Hurra-Patriotismus aller erster Güte bescheinigt wurde, ohne dabei aber auf die filmischen Qualitäten und Unzulänglichkeiten Rücksicht zu nehmen. Ein Film über eine Revolution, die derart wichtig für ein Land war, wie es die Xinhai-Revolution für China ist, ohne ein gewisses Maß an Pathos zu inszenieren geht einfach nicht und würde auch beim Publikum – hier beim chinesischen – wohl auch schlecht ankommen.

 

So ist es nicht der Patriotismus, der in erster Linie stört, sondern der teilweise zu saloppe und lückenhafte Umgang mit der Geschichte. Der spätere Präsident der Republik China Chiang Kai-shek wird komplett unter den Tisch gekehrt und tritt gar nicht im Film auf. Zwar war Chiangs Part bei der Revolution relativ gering – er kehrte aus Japan zurück und führte die Truppen in Hangzhou an –, aber als wichtige historische Persönlichkeit wäre es wünschenswert gewesen wenigstens seine Teilnahme zu vermerken.

Die meisten Beamten der Qing-Regierung und des Kaiserhofes sind derart überzeichnet dargestellt, dass ihre Darstellung eher an die in den Kampfkunstfilmen der frühen 1990er Jahre erinnert als an ein ernsthaftes Historienepos. Die Prinzen und Minister sind ein grotesker Haufen vertrottelter Jasager, die Kaiserinwitwe eine hysterische und weinerliche Tussi. Auch Yuan Shi-kai hat den einen oder anderen seltsamen Auftritt, zum Beispiel als er wutentbrannt Vasen zerdeppert und seine Bediensteten immer wieder für neuen Nachschub sorgen. So sind es diese Szenen, die unschön aus dem ernsthaften Rest des Filmes herausstechen und für unfreiwillige Komik sorgen.

 

Dieser Rest ist gar nicht mal so schlecht. Suns Weg auf dem politischen Parkett wird zwar stark vereinfacht und mit allerlei Floskeln unterlegt bestritten, aber diese Szenen wirken nie sonderlich naiv oder lächerlich. Winston Chao spielt die Rolle Souverän und kann als Sun Yat-sen auch allein vom Äußerlichen her überzeugen, weswegen er diese Rolle auch schon vor ‚1911’ des Öfteren spielen durfte.

Die restilchen Darsteller sind, abgesehen von Jaon Chen als Kaiserinwitwe und ihrem gesamten Hofstaat, solide bis gut. Chun Sun neigt manchmal zu Overacting und sein Wutausbruch mit den Vasen hätte man sich sparen können, abgesehen davon liefert er aber eine solide Leistung und bringt Yuans kalkulierenden Charakter gut zur Geltung.

Jackie Chan agiert auch in dieser ernsten Rolle souverän, lediglich bei einer – unnötigen – Kampfszene im Jackie-Chan-Stil – zieht er die aus alten Komödientagen bekannten Grimassen.

Li Bing-bing hat eine relativ undankbare Rolle als Huang Xings Loveinterest in einer ziemlich aufgesetzten Liebesgeschichte. So kreuzt sie immer wieder Huangs Wege und darf schmachtende Blicke gen Kamera richten.

Alle anderen Darsteller sind nicht der Rede wert, selbst der im Vorspann genannte Jaycee Chan (ja, Jackies Sohn) ist nur einige Sekunden zu sehen.

  

Die Ausstattung ist spektakulär und liebevoll. Seien es die Dekorationen der Städte, Innensets oder der Verbotene Stadt, Uniformen, Waffen oder sonstiges Kriegsgerät alles wirkt authentisch und hochwertig. Auch die CGIs gehen in Ordnung sind aber teilweise als solche zu erkennen. Lediglich die Deutschlandfahnen stammen aus einer anderen Epoche.

Einige ziemlich dreiste Szenenplagiate von Bertoluccis ‚Der letzte Kaiser’ trüben den Gesamteindruck der ansonsten guten Kameraarbeit.

Der Score ist heroisch, passt aber gut zum filmischen Kontext.

Die Schlachten sind gut gemacht, wenngleich insgesamt ein wenig mehr Action wünschenswert gewesen wäre. Leider bekommt der Zuschauer im Endeffekt nur Impressionen der Schlachten zu sehen, anstatt einmal längere Truppenbewegungen bewundern zu dürfen. Dennoch geht es teilweise recht blutig zu und die Altersfreigabe ist in jedem Fall berechtigt.

 

Leider hetzen die Regisseure Li Zhang und Jackie Chan derart durch die Ereignisse, dass man leicht den Überblick verliert. Wer mit der chinesischen Geschichte nicht vertraut ist verliert schnell den Überblick über die vielen Orte, Personen und Ereignisse, die meist nur kurz auftauchen oder angerissen werden. Durch ständige Ortswechsel ist es schwer einen richtigen Hauptdarsteller auszumachen, wodurch auch eine Identifikationsfigur fehlt, die all das Gezeigte emotional greifbar machen. Der Film lässt leider seltsam kalt. Szenen, in denen einem eigentlich eine Gänsehaut über den Rücken laufen müsste, laufen einfach so ab, wodurch ‚1911’ trotz allem Pathos erstaunlich nüchtern und kalt wirkt.

 

‚1911’ ist weder plumpes Propagandawerk noch emotionales Epos. Der Film bewegt sich zwischen spektakulären Bildern und politischem Plot ohne sonderlich zu bewegen. Einige unfreiwillig komische Passagen passen nicht zu dem ernsten Film und die hektische Erzählstruktur sorgt zwar für wenige Längen aber auch für viele offene Fragen. Die schönen Bilder, die guten Kriegsszenen und die tolle Ausstattung täuschen da nur bedingt über zu viele inhaltliche Schwächen hinweg.

 

6 von 10 Glückskekse

 

Die deutsche Blu Ray von Splendid zeigt den Film in guter Bild- und Tonqualität. Die Extras sind in Ordnung. Die Synchronisation ist meistens recht gut gelungen, nur einige Sprecher fallen negativ auf. Lobenswert ist die Untertitelung der Texteinblendungen, wenngleich Mighty-Titles einmal mehr einige Einblendungen unterschlägt bzw. vergessen hat. Die Übersetzung ist in Ordnung, spart jedoch jegliche Verbindung zur Kommunistischen Partei China – die im Original angerissen werden – aus.

 

Bild: 8/10

Ton: 8/10

Untertitel: 4/10

Extras: 5/10

Synchro: 7/10

Übersetzung: 5/10

14.4.12 19:03

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