Jack Bauer auf Koreanisch: 'Mission I.R.I.S.' von Kim Kyoo-tae und Yang Yoon-ho

 

Bedauerlicherweise ist es noch immer gängige Praxis aus zweiteiligen oder überlangen – meist asiatischen Filmen – kürzere internationale Versionen zu erstellen, die dem Publikum einen leichteren Zugang verschaffen und die Streifen schlicht massentauglicher machen sollen. In der Vergangenheit ging das u.a. bei ‚Once upon a Time in China’ oder den meisten Jackie-Chan-Filmen gehörig schief. Jüngste Opfer dieser Verunglimpfung sind John Woos Schlachtplatte ‚Red Cliff’ und das taiwanesische Historienepos ‚Seediq Bale’, sowie die 20-teilige TV-Serie ‚IRIS’ aus Südkorea, die als ‚Mission I.R.I.S.’, um ein paar Szenen erweitert, als knapp zweistündiger Film, hauptsächlich international, vermarktet wird und ein Mix aus ‚24’ und ‚Shiri’ ist.


 

Kim Hyeon-jun (Lee Byung-hun) arbeitet für den südkoreanischen Geheimdienst NSS. In Ungarn soll er ein Attentat auf einen ranghohen Politiker Nordkoreas verüben, nach dessen erfolgreicher Ausführung Hyeon-jun von seinen Vorgesetzten fallen gelassen wird. Gemeinsam mit seiner Freundin, die auch beim NSS angestellte Seung-hee (Kim Tae-hee), flüchtet er. Doch auch Seung-hee fällt einem Attentat zum Opfer und Jin Sa-woo (Jeong Jun-ho), ebenfalls Geheimagent und Hyeon-juns Freund, macht Jagd auf den seinen flüchtigen Kollegen. In Shanghai schließt sich Hyeon-jun sich nordkoreanischen Agenten an, die im Auftrag der Geheimorganisation IRIS einen atomaren Anschlag in Seoul verüben sollen. Als er erfährt, dass auch sein Vorgesetzter ein Agent dieser Organisation ist, versucht er mit allen Mitteln den Anschlag zu verhindern und die Verschwörung aufzudecken…


 

‚Mission I.R.I.S.’ leidet in erster Linie an der Tatsache, dass es sich bei dem Film um einen Zusammenschnitt handelt, der zwar eine einigermaßen Nachvollziehbare Geschichte erkennen lässt, jedoch wird der Zuschauer Gewissermaßen mitten in die Erzählung hineingerotzt ohne genau zu wissen worum es eigentlich geht. Stattdessen versuchen ungelenke Rückblenden den Charakteren Tiefe zu geben, kratzen aber nur an der Oberfläche und bremsen die ohnehin schon zu lang geratene Einführung in Ungarn unnötig aus. Die Charaktere bleiben auch trotz dieser Rückblenden erschreckend blass und lange Zeit ist kein wirklicher Hauptcharakter zu erkennen. Eine plausible Charakterentwicklung ist ebenso wenig zu erkennen, wodurch die einzelnen Charaktere oftmals aus unerklärlichen Gründen plötzlich konträr ihrer eigentlichen Rolle handeln. So lässt sich Seung-hee von Hyeon-jun brutal zusammenschlagen, nimmt aber gut 20 Minuten später dessen Heiratsantrag an. Ebenso wenig kann trotz der eigentlich recht interessanten Geschichte kaum Spannung aufkommen und der ganze Film wirkt eher wie ein Trailer, als wie ein homogenes Ganzes. Der Twist am Ende ist zwar nett, eine vollständige Auflösung aller Intrigen wäre aber lobenswert gewesen, anstatt in einem Quasi-Cliffhanger eine mögliche Fortsetzung offen zu lassen.


 

Auch der Zusammenschnitt an sich ist nicht wirklich gelungen: Erzählstränge werden aufgegriffen und ohne Grund wieder fallen gelassen, eigentlich tote Personen tauchen ohne Erklärung wieder auf, Actionszenen werden abgebrochen und der gerade in Bedrängnis geratene Darsteller ist auf einmal wieder frei wie ein Vögelchen. Eine Autoverfolgungsjagd wurde offensichtlich aus zwei unabhängigen Szenen zusammengeschnitten, da unvermittelt ganz andere Fahrzeuge auftauchen und dann auch wieder verschwinden und während dem großen Finale in Seoul ist sich die Metropole anscheinend nicht so sicher zu welcher Tageszeit dieses Finale stattfinden soll.


 

Das Finale an sich ist relativ packend gemacht und liefert eine urbane Schießerei in bester ‚Heat’-Manier. Auch die anderen Actionszenen können sich zweifelsohne sehen lassen und sind teilweise auch recht blutig, obgleich die FSK-18-Freigabe etwas übertrieben erscheint. Leider ist der Look unverkennbar TV, was die gelungene Inszenierung an sich und die ordentlichen Spezialeffekte insgesamt ziemlich billig wirken lassen. Der Wackelkamera-Look und die spärliche Filmmusik tun ihr Übriges um den – nennen wir ihn mal Film, vor allem in Dialogszenen wie eine Soap wirken zu lassen.


 

Die Darsteller machen ihre Sache größtenteils ordentlich, wenngleich man preisverdächtige Darstellungen vergebens sucht. So glänzt Lee Byung-hun auch eher durch seine physische Präsenz als durch ausgiebiges Mimenspiel. Kim Tae-hees Performance, als sie vom vermeintlichen Tod ihres Geliebten erfährt, ist der größte darstellerische Ausfall und wirkt eher komisch als tragisch.


 

‚Mission I.R.I.S.’ ist als Film ein unausgewogenes Best-Of der TV-Serie ohne jemals eine spannende oder nachvollziehbare Handlung zu entwickeln. Darstellerisch und inszenatorisch auf TV-Niveau sind es dennoch die Action-Szenen, die am überzeugendsten sind. Wer einen Import der TV-Serie, auf die der Film durchaus Appetit zu machen weiß, in Erwägung zieht, darf einen Blick auf diesen überlangen Trailer riskieren, als Film an sich ist der Streifen aber in allen belangen ungeeignet.


 

Als eigenständiger Film: 3 von 10 Glückskeks

Als Werbefilm:  5 von 10 Glückskekse


 

Die deutsche Blu Ray:


 

Das Bild der Blu Ray ist die meiste Zeit über relativ scharf und zeigt auch in Totalen ausreichend Details, trotz 1080i. Archivmaterial, meist Impressionen aus Nordkorea, ist qualitativ auf VHS-Niveau und ziemlich verwaschen. Auch einige, wenige andere Szenen sind – eigentlich unverständlich – von schlechterer Qualität als das Gros des Filmes. Den ganzen Film über ist ein gewisser TV-Look erkennbar. Der Ton ist ok und bewegt sich auf gutem Serien-Niveau. Neben einer sehr gelungenen deutschen Synchronisation, die mit einigen bekannten Sprechern aufwarten kann, wird auch Original-Ton mit deutschen Untertiteln wird angeboten. Die Extras (Trailer und Bildergalerie) sind nicht der Rede wert, die Blu Ray wird in einem geprägten Schuber ohne FSK-Logo geliefert, das Keep-Case hat ein Wendecover.


 

Bild: 7/10

Ton: 7/10

Extras: 2/10

Synchro: 8/10

Übersetzung: 7/10

5.5.12 11:05

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